Originaltitel: LA GRAZIA

I 2025, 131 min
Verleih: MUBI

Genre: Drama, Polit

Darsteller: Toni Servillo, Anna Ferzetti, Orlando Cinque

Regie: Paolo Sorrentino

Kinostart: 19.03.26

La Grazia

Die Schönheit des Zweifels

Einmal sitzt Dr. jur. Mariano De Santis, altgedienter Präsident der Republik Italien und mit allen Wassern gewaschener Vollblutpolitiker, bei seinem Kumpel, dem Papst. Beide plaudern sie an der Grenze zum Philosophieren entlang, bis der Pontifex innehält und dem Politiker still, aber bestimmt bescheinigt, daß der über etwas Seltenes verfüge. Über „La Grazia“ nämlich. „Was ist das?“, will De Santis wissen. Bevor die Antwort zu vernehmen ist, wechselt die Szene.

In bisher zwei Filmen hat der italienische Meisterregisseur Paolo Sorrentino die nachgerade barocken Porträts von Politikern seines Landes erschaffen: von Giulio Andreotti in IL DIVO und von Silvio Berlusconi in LORO. LA GRAZIA fügt dem jetzt ein weiteres solches Porträt hinzu; somit eine Art Triptychon vervollständigend, dessen letzter Teil sich interessanterweise aber einem fiktiven Charakter widmet. Diesem De Santis nämlich, der zwar kurz vorm Ende seiner Präsidentschaft und somit dem Rückzug ins Privatleben steht, aber trotzdem noch über zwei Gnadengesuche und einen neuen Gesetzesentwurf zu entscheiden hat. Alles andere als Routine. Denn wo die Gnadengesuche zwei Mordfälle betreffen, in denen die Urteile zwar juristisch unzweifelhaft sind, dafür aber die moralische Gemengelage alles andere als eindeutig ist, zielt der Gesetzesentwurf auf eine Liberalisierung der Sterbehilfe. Daß De Santis´ Tochter Dorotea maßgeblich für diesen Entwurf verantwortlich zeichnet, verstärkt ein ethisches Dilemma, in dem sich das Noch-Staatsoberhaupt zunehmend gefangen sieht.

Will man „la Grazia“ ins Deutsche übersetzen, steht man vor der Wahl zwischen „die Anmut“ oder „die Gnade.“ Und somit auch vor der Frage, was das jeweils eigentlich genau ist. Und ferner: was davon der Papst in De Santis verkörpert sieht. In diesem Charakter, den man so wohl tatsächlich nur erfinden kann; in jedem Fall für die Sphären der Politik. Ist De Santis doch ein Mann moralischer Integrität, mithin des Glaubens. Zwar wahrlich nicht unfehlbar, aber zugleich fast schon trotzig seinen ethischen Prinzipien verpflichtet.

„Grazie ist die Schönheit des Zweifels“ ist in LA GRAZIA einmal zu hören. Ein Film, der für diese Schönheit wieder und wieder Bilder findet. Und dem der großartige Toni Servillo als De Santis ein Gesicht schenkt, in dem sich all das spiegelt: die Anmut, die Gnade – und der Zweifel daran.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.