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Nordwand

Ein unentschiedener Hügelblick

Fürs Gegenwartskino sind zwei Genres zumindest anachronistisch. Western und Bergsteigerfilme. Das liegt am ideologischen Touch der da jeweils immer noch etwas anrüchig anhaftet und am Erzähltempo, das beide Filmarten evozieren. Das Elegische, die Langsamkeit, die sie brauchen, wollen sie denn authentisch sein. Im Bergsteigerfilm (und wir reden hier nicht von Blödsinn wie VERTICAL LIMIT) nicht zuletzt bedingt durch die Langsamkeit des Voranschreitens beim Klettern selbst. Werner Herzogs SCHREI AUS STEIN oder Kevin Macdonalds STURZ INS LEERE zeigten, wie atemberaubend das sein kann. Philipp Stözl will mit NORDWAND freilich etwas ganz anderes. Sein Regieblick geht weiter zurück. Hin etwa zu Arnold Francks BERG DES SCHICKSALS oder, klar, zu Luis Trenkers Gebirgsmelodramen.

NORDWAND erzählt die wahre Geschichte der Kletterasse Toni und Andi, die im Wettstreit mit anderen Bergsteigern die noch unbezwungene Eiger Nordwand erklimmen wollen. So weit, so sportlich. Nur schreiben wir das Jahr 1936, und da wird derlei schnell tönerne Propaganda. Personifiziert durch Nazi-Reporter Arau, der den integeren Naturburschen zusetzt. Daß in Araus Begleitung Tonis Ex-Geliebte mit über die Alm huscht, hilft nicht unbedingt, den Konflikt zu entschärfen.

Im Grunde ist das geradezu klassisch. Auch Trenkers Filme erzählten gerne so. Ehrliche Naturburschen, miese Städter, Kameradschaft in der Wand und großes Sterben vor großer Kulisse. Das war oft tolles Kino, und NORDWAND hätte das vielleicht auch werden können, hätte Stölzl sich für eine Geschichte entschieden, die eben nicht im Dritten Reich spielt.

Die Nazithematik, die den Film durchzieht, lähmt diesen einfach. Schlicht verklemmt wie Stözl da das Heroische sucht und sich zugleich davor fürchtet, wie er das Pathos will, aber nicht wagt, sich dazu zu bekennen. Wie er den Romantizismus liebt und verschämt an dessen ideologischer Einfärbung kratzt. NORDWAND geht immer einen Schritt vor und zwei zurück. Was weder beim Bergsteigen noch Filmemachen wirklich hilfreich ist.

Mißlungen ist das Ganze dennoch nicht. Schön fotografiert, mit Schauspielern, die auch das Didaktische halbwegs mit Leben füllen und einem herrlich melodramatischen Finale, ist NORDWAND kein Monolith, aber ein ordentlicher Mittelgebirgshügel mit ebensolchen Wanderwegen und dieser und jenen reizvollen Aussicht.

D 2008, 126 min
FSK 12
Verleih: Majestic

Genre: Drama, Liebe, Polit

Darsteller: Benno Fürmann, Johanna Wokalek, Florian Lukas

Regie: Philipp Stölzl

Kinostart: 23.10.08

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.