Originaltitel: ROMERÍA

Spanien/D 2025, 114 min
FSK 16
Verleih: Piffl

Genre: Drama

Darsteller: Llúcia Garcia, Mitch, Tristán Ulloa, Alberto Garcia, Miryam Gallego

Regie: Carla Simón

Kinostart: 02.04.26

1 Bewertung

Romería

Unterm Teppich der anderen

Gern wird in Familien so getan, als seien es nur bahnbrechende

Großereignisse, die den Alten die Sprache verschlagen und den Jüngeren Rätsel bescheren. Oft wird gedacht, es sei nur der Teppich der anderen, unter dem die Wahrheit wabert. Dabei sind Schweigen und Lügen in der DNA der menschlichen Spezies angelegt wie das Lachen und die Lust. Weltweit. Die spanische Regisseurin Carla Simón, Jahrgang 1986, weiß und erzählt davon. In ROMERÌA, ihrem dritten Film und direkten Nachfolger des grandiosen ALCARRÀS, versucht sie sich gar an einer Balance aus Autobiographie und Fiktion mit surrealem Ausflug, um dem frühen Tod ihrer Eltern und der begleitenden Geheimniskrämerei der Verwandten doch noch auf die Schliche zu kommen. Wie sie dabei aus einem sehr individuellen Ansatz heraus mit universellen Noten spielt, ist beeindruckend. Vor allem, weil die Regisseurin wieder so großartig beobachten und ein Ensemble führen kann, gern mit Laien, gern mit Neulingen.

Nach den katalanischen Pfirsichplantagen landet Simón jetzt an der Atlantikküste. In Vigo leben die Großeltern der 18jährigen Marina, Tanten, Onkels, Cousinen, Cousins. Niemand kennt Marina persönlich, niemand kennt Marina wirklich. Es sind die frühen Zweitausender, man trägt noch Pelz unter den Achseln und hat eine VHS-Kamera dabei. Im Grunde braucht Marina ja nur ein behördliches Papier, um mit Stipendium studieren zu können. Sie nutzt das Tagebuch der Mutter, um sich die 80er heranzuzoomen, spricht sie am Telefon mit ihrer „jetzigen“ Familie, lügt auch sie: „Ja, Oma, wir säubern die Wälder.“ Nur die „jetzige“ Mutter weiß, wo Marina ist und was sie dort in Vigo macht.

Marina ist eine zurückhaltende, freundliche, aber entschiedene junge Frau, die sich ein Staunen darüber gönnt, wie verschieden die Mitglieder dieser ihr so unbekannten Sippe sind, und die aufhorcht, wenn die nächste Unstimmigkeit über ihre Eltern kolportiert wird. Ein Onkel hat noch das alte Boot von damals, scheint jedoch die Rolle des schwarzen Schafs von Marinas Papa übernommen zu haben. Oma ist der wandelnde Vorwurf auf zwei Beinen, Opa verteilt im Stile eines eitlen Pater familias Scheine an die Enkel, wenn sie beim Rapport die erwartet gute Figur machen. Über und unter allem jedoch gärt in diesem Familienfilm die Wahrheit über den Tod und den Umgang mit dem Tod. Die 80er? Es gab Drogen, es gab AIDS …

[ Andreas Körner ]