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Von Trauben und Menschen

Leben, um zu arbeiten?

Der Regisseur Paul Lacoste schaut gern Menschen beim Arbeiten zu. In seinem letzten Film 3 STERNE. 2 GENERATIONEN. 1 KÜCHE standen zwei internationale Spitzenköche im Fokus. Diesmal hat er sich der anderen Seite der Arbeitswelt zugewandt und den Herbst mit 20 Erntehelfern in den Weinbergen Südfrankreichs verbracht. Für zwei Monate im Jahr treffen sich hier die unterschiedlichsten Menschen, um die Trauben zu lesen. Während sie Hand in Hand arbeiten, bleibt genug Zeit für Unterhaltungen, kleine Neckereien und das eine oder andere Streitgespräch.

Hier gelten andere Regeln als „draußen“ in der Arbeitswelt: „Helft Euch gegenseitig, wenn einer zurückbleibt. Dann wird es für alle leichter!“, rät der Winzer bei der Einweisung. Gerade deshalb kommen viele der Saisonarbeiter Jahr für Jahr in den Weinberg. Andere sehen keine andere Möglichkeit zum Geldverdienen oder sind längst in Rente und wollen mal wieder etwas Sinnvolles tun. Einer der heimlichen Stars des Films ist der immer gutgelaunte David. Er ist Saisonarbeiter aus Überzeugung. Obwohl er eine Familie ernähren muß, ist er gemeinsam mit seiner Frau Jahr für Jahr bei der Weinlese dabei. Er arbeitet nur dann, wenn er muß. Für die Freiheit, sich seine Lebenszeit frei einteilen zu können, verzichtet er auf Luxus und Rücklagen. Von der Hand in den Mund zu leben, ist kein Problem, sondern seine Lebensphilosophie. Ganz anders sieht das der ehemalige Reifenhändler, der immer wieder betont, daß er von allen anderen „vernünftigen“ Menschen eine 50-Stunden-Woche erwartet.

Lacoste nimmt sich die Zeit, jeden in seiner spezifischen Weltsicht zur Geltung kommen zu lassen. Er ist ein feiner Beobachter – das Bewerten überläßt er anderen. Und so entsteht ein Kaleidoskop der Charaktere, die während der Weinlese ein Stück Leben teilen, die gemeinsam arbeiten, kochen, essen, feiern und ausruhen. Die sich nahekommen, obwohl oder gerade weil sie sich im „normalen“ Leben nie getroffen hätten. Nicht umsonst wurde der Film bei DOK Leipzig mit dem „Healthy Workplaces Film Award“ ausgezeichnet. Paul Lacoste ist ein schönes und vollkommen unaufgeregtes Plädoyer für die richtige Balance zwischen Arbeit und Leben gelungen – nicht nur für Saisonarbeiter absolut sehenswert.

Originaltitel: VENDANGES

F 2014, 76 min
FSK 0
Verleih: Film Kino Text

Genre: Dokumentation

Regie: Paul Lacoste

Kinostart: 01.09.16

[ Luc-Carolin Ziemann ] Carolin hat ein großes Faible für Dokumentarfilme, liebt aber auch gut gespielte, untergründige Independents und ins Surreale tendierende Geschichten, Kurzfilme und intensive Kammerspiele. Schwer haben es historische Kostümschinken, Actionfilme, Thriller und Liebeskomödien ... aber einen Versuch ist ihr (fast) jeder Film wert.