Originaltitel: A VIDA INVISIVEL DE EURIDICE GUSMÃO

Brasilien/D 2019, 140 min
FSK 12
Verleih: Piffl

Genre: Drama

Darsteller: Carol Duarte, Julia Stockler

Regie: Karim Aïnouz

Kinostart: 26.12.19

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Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão

Ein Film wie ein Fado

„Saudade“ ist ein nicht so einfach zu übersetzendes portugiesisches Wort. Es meint die Traurigkeit angesichts des unwiederbringlichen Verlustes eines früheren Glücks. Dieses bittersüße Gefühl findet seinen Ausdruck vor allem im Fado. DIE SEHNSUCHT DER SCHWESTERNGUSMÃO bringt es nun auf die Kinoleinwand. Und zwar in angemessener Form: überlebensgroß, in satten Farben und virtuos komponierten Einstellungen. Dabei hält der Film genau jene Balance, die das Ganze davor bewahrt, in Kitsch abzustürzen.

Schon die erste Szene zeigt, worauf es hinauslaufen wird. Die beiden Schwestern Eurídice und Guida verlieren sich auf dem Rückweg vom Strand im Dschungel von Rio de Janeiro. „Eurídice!“, ruft Guida mit zunehmender Angst durch das dichte Grün. Ein Ruf, der noch jahrzehntelang durch ihre unbeantwortet bleibenden Briefe an die geliebte Schwester hallen wird. Auslöser der Trennung ist ein griechischer Seemann, mit dem die lebenslustige Guida spontan durchbrennt. Als sie Monate später ohne Mann, dafür aber mit dickem Bauch wiederkehrt, hat sich Eurídice längst in die Ehe mit dem von den Eltern für sie ausgesuchten Antenor gefügt. Ein ausgesprochener Langweiler, der die Leidenschaft seiner Frau für das Klavierspiel mißtrauisch beäugt. Trotzdem verfolgt Eurídice hartnäckig ihren Traum, sich am Wiener Konservatorium als Pianistin zu bewerben. Lügen, Sturheit, Angst und Zufälle stellen sich dem Wiedersehen der Schwestern entgegen. 

Karim Aïnouz erzählt von einer Zeit, in der Frauen ohne Männer als defizitäre Wesen galten. Seine Sympathie gilt diesen Heldinnen des Alltags, die sich gegen die ihnen gesetzten Grenzen behaupten. Diese traurig-schöne Geschichte um verpaßte Leben und ungenutzte Chancen nimmt sich Zeit für die differenzierte Zeichnung ihrer beiden Haupt- und der zahlreichen Nebenfiguren. Daneben wird das Rio der 50er Jahre als tropischer Sehnsuchtsort präsentiert. Warme Blau-, Rot- und Grüntöne bringen die Leinwand förmlich zum Leuchten. Gekonnt setzt Kamerafrau Hélène Louvart punktuell Unschärfen, die ihre erzählerische Entsprechung in den blinden Flecken der Protagonisten haben, die das Naheliegende meist übersehen.

Wenn dann im Abspann die große Fado-Sängerin Amália Rodrigues vom einsamen Leben mit einem unabhängigen Herzen singt, zerreißt es einen endgültig in süßem Schmerz.

[ Dörthe Gromes ]

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