D 2010, 114 min
FSK 12
Verleih: Concorde

Genre: Biographie, Drama

Darsteller: Tobias Moretti, Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Justus von Dohnányi

Regie: Oskar Roehler

Kinostart: 23.09.10

14 Bewertungen

Jud Süß – Film ohne Gewissen

Die Wahrheit, die Wirklichkeit und das Kino

Veit Harlans JUD SÜSS (1940) ist ein Meisterwerk. Ein Meisterwerk antisemitischer Demagogie. Eine cineastisch raffinierte Erbärmlichkeit. Ein perfides Gift, freigesetzt durch das Kopulieren der Macht, die verführerisch ist, mit dem Kino, auf welches das auch zutrifft. Heraus kam ein Kunstwerk, das erfolgreich seine Bestimmung erfüllte: die Vernunft vergiften, zum Haß verblenden. Ja, die Kino-Kunst, die sich schon oft zur Hure der Macht degradierte, tat das hier wirkungsvoll formvollendet wie selten sonst. Was sich nicht zuletzt Schauspieler Ferdinand Marian in der Titelrolle verdankt. Von böser Ironie ist dabei nun nicht nur, daß Marian diese Rolle erst nach langem Sträuben und immer aggressiverem Insistieren seitens Goebbels annahm, sondern den Schauspieler auch die Ambition umtrieb, die Figur „des Juden“ differenziert, also menschlich zu gestalten. Der propagandistischen Intention so ein Schnippchen zu schlagen – und seinem Ego als Künstler gerecht zu werden.

Vom bitteren Scheitern Marians und der Entstehung des Films JUD SÜSS erzählt nun Oskar Roehler. Dessen JUD SÜSS – FILM OHNE GEWISSEN mag ob des Titels zweitem Teil nach einem typisch deutschen Moralstück blasierter Besserwisserei klingen. Doch keine Sorge: Auf der Leinwand ist davon nichts zu sehen. Das Feuilleton nahm’s schon übel. So war es ja gar nicht in Wirklichkeit, monierten die Kritiken. Der Film verzerre Fakten, baue Erfindungen ein, stelle Marian etwa eine „Vierteljüdin“ als Ehefrau an die Seite, wo diese doch „in Wirklichkeit“ Katholikin war … Nur daß es im Kino – ein kleiner, heimtückischer Unterschied – eben mehr um Wahrheit als um Wirklichkeit geht. Roehlers Film zeigt, was das heißt.

Wenn JUD SÜSS – FILM OHNE GEWISSEN in die Überhöhung fliegt, sich in die Geste des Tragischen komprimiert, pathetisch, bitter und auch mal obszön wird, entfaltet sich ein dunkles Melodram und Sittenbild, das gleichzeitig eine böse Schmierenkomödie von der menschlichen Schwäche erzählt, die den Verführungen der Macht – und des Kinos – erliegt.

Was aber eben nicht heißt, daß Roehler hier Schuldfragen verwässert. In einer finalen Szene läßt der Film Marian nach dem Krieg auf den einstigen Freund und Kollegen Deutscher treffen. Der saß als Jude im KZ, und was er Marian nun zu sagen hat, sagt er mit Heine: „Nicht gedacht soll deiner werden/Nicht im Liede, nicht im Buche/Dunkler Hund im dunklen Grabe/Du verfaulst mit meinem Fluche!“ Eine Gänsehaut-Szene. Keine wirklich geschehene. Eine erfundene. Eine wahre.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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