Harry Potter und der Gefangene von Askaban

HARRY POTTER UND DER GEFANGENE VON ASKABAN war so etwas wie ein Experiment. Mit Alfonso Cuarón übernahm erstmals ein Autorenfilmer die Regie bei einem Harry-Potter-Film. Nach zwei bildgewaltigen, doch eher braven Kinoadaptionen durch Chris Columbus erlaubte sich Cuarón in der Umsetzung des dritten Buches größere künstlerische Freiheit. Der phantasiebegabte Mexikaner steckte die jugendlichen Protagonisten in heutige Kleidung, gab ihnen schärferes Profil und arbeitete das Skurrile in J. K. Rowlings Zauberwelt mit durchaus schwarzem Humor heraus. Damit avancierte DER GEFANGENE VON ASKABAN auch nach Abschluß der Oktologie zum originellsten Film der Reihe.

Cuaróns geistreichem Zugriff auf den literarischen Stoff begegnet John Williams mit einer Öffnung seines Kompositionsstils weit über die für ihn typische spätromantische Prägung hinaus. Seinen dritten Eintrag ins Potter-Filmalbum unterfüttert er mit Einflüssen der Renaissance, des Barock, der Avantgarde und setzt jazzige, popkulturelle und asiatische Akzente. Entsprechendes Instrumentarium inklusive. Begleitet Williams Spielszenen gelegentlich zurückhaltend rezitativisch mit Cembalo und Blockflöte, gewittert er sich im nächsten Augenblick mit Pauken-Solo in den Vordergrund und zum majestätischen Streicherthema „Buckbeak’s Flight“. Tante Marges unfreiwillige Luftnummer sublimiert er mit einem karnevalesken Walzer, Harrys Busfahrt durch London mit einer schrillen Free-Jazz-Nummer oder die Ankunft der Zauberschüler mit dem quirligen Chorstück „Double Trouble“, das schnell seinen Weg ins Kinderchor-Repertoire fand.

Erwidert er das Drollige im Film mit kindlichem Vergnügen, wählt er für das Bedrohliche erwachsene Töne: Den winterlichen Dementorenangriff verstört er mit einer Chor-Orchester-Dissonanz, die an BEGEGNUNG DER DRITTEN ART erinnern läßt. Es bedarf großer handwerklicher Könnerschaft und Inspiration, eine hundertminütige Komposition mit so unterschiedlichen Einflüssen stilsicher zusammenzuführen. Williams gelingt dies mit beeindruckender Leichtigkeit.

Es wird ein Vergnügen sein, dem vollständigen Score am 12. April live zum Film zu lauschen.

[ Philipp J. Neumann ] Philipp fühlt sich inspiriert von CLUB DER TOTEN DICHTER, hat gelernt aus DAS SIEBENTE SIEGEL, ist gerührt von MAGNOLIA, hat sich wiedergefunden in THE SWEET HEREAFTER, wurde beinahe irr durch FARGO, ist für immer vernarrt in PONETTE und war schlicht plattgedrückt von DER HERR DER RINGE.

Lesezeichen: