D/F/Bulgarien/Österreich 2026, 164 min
Verleih: Piffl

Genre: Drama

Darsteller: Yana Radeva, Syuleyman Letifov, Stoiko Kostadinov, Nikolay Shekerdjiev

Regie: Valeska Grisebach

Kinostart: 24.09.26

Das geträumte Abenteuer

Eine Hyänenflüsterin in der „Männerzeit“

Ein Mann kommt in eine Gegend, die er früher bestens kannte. „Geschäftliches“ ist zu erledigen. Beim Gemischtwarenhändler lädt Said das Handy auf, bindet das Auto fest und fragt sich durch. Diskret. Denn wie soll er nach so langer Abwesenheit wissen, welcher Bandit jetzt die Preise, die Regeln, die Bräute klarmacht?! Nicht umsonst sagen die Einheimischen über das Zentrum ihrer Peripherie: „Wo das Recht endet, beginnt Svilengrad.“ Dieser Satz hätte ebenso gut zum fiktiven Hadleyville im Western-Klassiker ZWÖLF UHR MITTAGS gepaßt. Doch Svilengrad, das 16.000-Seelen-Transitkaff in Bulgarien, ist real.

Das Stück Sowjetblock befindet sich im Grenzgebiet zu Türkei und Griechenland, geschmiegt an einen „Westen“, den die europäische „Mitte“ herablassend „Südosten“ nennt. Valeska Grisebach mußte die gekränkte Aura ihrer gegen den allgemeinen Orientierungssinn gedrehten Frontier-Geschichte also nicht erfinden, sondern in den Blick rücken. Fehlt hier ein „nur“? Nein, denn diese Filmemacherin weiß die Gaben der Realität sinnstiftend einzusetzen. Die Mittagshitze gehört dazu, das Zwielicht trunkener Nächte, die Latenz zwischen streichelnder und schlagender Hand, der Grabungsstaub an der Matochina-Festung, das Ensemble aus bulgarischen Schauspielneulingen, die die Figuren mit den Wende- und Wandelspuren ihrer eigenen Biographien füllen. Und natürlich die Recherchen vor Ort, in denen Grisebach jenen zuhörte, die mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Ordnung in eine Ära der Entzivilisierung eintraten: Frauen, ausgewildert in einer hyänischen

„Männerzeit.“ Frauen wie die lebens- und lusterfahrene Archäologin Veska, die gleich nach dem High-Noon-Prolog das Heft des Handelns übernimmt. Lächelnd, wissend.

Obwohl die in Westberlin aufgewachsene und in Wien ausgebildete Regisseurin der sortierfreudigen Filmkritik wahlweise als Vertreterin der Berliner Schule oder der Viennese New Wave gilt: Mit WESTERN, allerspätestens aber im programmatischen Nachfolger DAS GETRÄUMTE ABENTEUER mogelt sie sich an den Sammelbegriffen vorbei. Grisebach ist die Atmosphärenmalerin unter den manchmal so unterkühlten deutschsprachigen „Auteurs“ ihrer Generation. Sie mäandert, sie tupft über den Rahmen hinaus, leistet sich Längen – und wurde dafür im Wettbewerb von Cannes mit dem Jurypreis belohnt.

[ Sylvia Görke ]