Originaltitel: VERDENS VERSTE MENNESKE

Norwegen/F/S/DK/USA 2021, 128 min
FSK 12
Verleih: Koch Films

Genre: Drama, Liebe

Darsteller: Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie, Herbert Nordrum, Marie Grazio Di Meo

Regie: Joachim Trier

Kinostart: 02.06.22

4 Bewertungen

Der schlimmste Mensch der Welt

Nachdenken über die Zeit

Was muß wohl jemand anstellen, um als der schlimmste Mensch der Welt zu gelten? Nicht viel, wenn es nach Julie geht, der so zauberhaften wie sperrigen Heldin in Joachim Triers romantischer Tragikomödie, seinem fünften Kinofilm. Und gerade diese maßlose Übertreibung macht Julie für das Publikum so greifbar. Es reicht schon, im Leben zu schwimmen, gefühlt immer danebenzuliegen. Ihre Ideale, Lebensplanungen, auch die Suche nach der richtigen Liebe wollen sich der Realität nicht so richtig anpassen – oder umgekehrt. Klar, mit 30 hat sie das Leben noch vor sich, aber Zeit vergeht, die Optionen schwinden.

Trier hat den Film auf seine Hauptdarstellerin Renate Reinsve zugeschnitten, die für ihre erste Hauptrolle zu Recht die Goldene Palme in Cannes erhielt. Sie repräsentiert hier eine Generation, für die Selbstverwirklichung, im Beruf und in der Partnerschaft, als Pflicht und Last empfunden wird. Doch es ist gewissermaßen ein doppeltes Generationenporträt. Julie läßt sich auf eine Beziehung mit dem über zehn Jahre älteren Comic-Künstler Aksel ein, gespielt von Anders Danielsen Lie. Der ist für Trier wie Jean-Pierre Léaud für François Truffaut. Seit seinem ersten Film REPRISE setzt er ihn ein und schaut ihm beim Altern zu. Und immer bringt Danielsen Li etwas Dunkles und Melancholisches mit ein, vor allem in OSLO, 31. AUGUST über den letzten Tag eines Selbstmörders.

Aksels Künstlerkarriere geht zunächst steil bergauf, was Julie verunsichert, in die Arme des gleichaltrigen Eivind treibt und das Dreieck eröffnet. Doch später kehrt sich das Verhältnis zu Aksel um: Plötzlich wirkt er wie aus der Zeit gefallen, seine Kunst ist nicht mehr anschlußfähig, seine Liebe für das Haptische und Sammelbare wie Platten und Bücher gehört der Vergangenheit an. Trier ist Jahrgang 74, und der Eindruck drängt sich auf, er spricht hier über sich selbst. Zumindest spricht er über die Zeit, die uns formt und die wir zuweilen anhalten möchten. Und genau das tut er im Film einmal exemplarisch. Während Julie mit flatternden Haaren zu ihrem ersten Rendezvous mit Eivind durch die sommerlichen Straßen von Oslo rennt, bleibt alles um sie herum einfach stehen. Die Welt ist eingefroren, nur das Herz schlägt. Es ist das Bild für einen absoluten Glücksmoment, für die Größe des Wunsches, der sich von der Realität emanzipiert. Für solche Momente, aber auch für die Dialoge und die wunderbaren Beobachtungen muß man den Film einfach lieben. Kleiner Tip: Taschentücher gehören zur Grundausstattung.

[ Lars Meyer ] Im Zweifelsfall mag Lars lieber alte Filme. Seine persönlichen Klassiker: Filme von Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Woody Allen, Billy Wilder, Buster Keaton, Sergio Leone und diverse Western. Und zu den „Neuen“ gehören Filme von Kim Ki-Duk, Paul Thomas Anderson, Laurent Cantet, Ulrich Seidl, überhaupt Österreichisches und Skandinavisches, außerdem Dokfilme, die mit Bildern arbeiten statt mit Kommentaren. Filme zwischen den Genres. Und ganz viel mehr ...