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Die verlorene Zeit

Kann wahre Liebe alles überstehen?

Die Vor-während-und-Nachweihnachtszeit erkennt man immer wieder auch daran, daß die Zahl der rührseligen Filme in Kino und Fernsehen rapide zunimmt. Da wird auf die Tränendrüse gedrückt, wie es nur geht. Und weil in unserer abgestumpften Welt als Schlüsselreiz ein immer größerer Paukenschlag nötig ist, um uns aus unserer lethargischen Gleichgültigkeit zu wecken, lassen sich auch die Filmemacher nicht lumpen. In diesem Jahr wurde der Holocaust als geeignet befunden, die Gemüter mal wieder so richtig in Bewegung zu bringen.

Hannah und Tomasz lernen sich in einem polnischen KZ kennen und lieben. Als SS-Soldat verkleidet bringt Tomasz Hannah raus, und sie fliehen in sein Heimatdorf. Doch hier warten schon die deutschen Truppen und seine antisemitische Mutter. Tomasz bringt seine Geliebte auf den Hof des Bruders und schließt sich mit ihm dem Widerstand in Warschau an. Als nur der Bruder zurückkehrt und kurze Zeit später von den Russen verhaftet wird, macht sich Hannah auf den Heimweg nach Berlin. 32 Jahre später wohnt sie glücklich verheiratet und mit einer fast erwachsenen Tochter in New York. In einem Fernsehinterview glaubt sie, ihre große Liebe Tomasz wiederzuerkennen. Die Erinnerungen kommen schlagartig zurück und mit ihnen auch die Gefühle. Das bleibt der Familie nicht verborgen, und Hannah muß ihr Geheimnis, das sie all die Jahre in einem Ordner und unter ihrer Brust gut versteckt hielt, schließlich offenbaren.

Der ganz klar stärkere Teil des Films ist die Gegenwart. Hier beherrscht eine alles überragende Dagmar Manzel jeden Augenblick. Diese Unbeweglichkeit ihres Körpers, in den der Schrecken der Vergangenheit hineingefahren zu sein scheint! Die Überforderung des Wiedererlebens der großen Liebe und die Angst vor einer möglichen Entscheidung in den Augen! Man sehnt immerzu die nächste Szene mit dieser wunderbaren Darstellerin herbei!

Die parallel montierten Passagen der Vergangenheit geraten leider zu oft ins Überdeutliche. Hier wird versucht, die Größe einer Liebe an der Größe des Schreckens zu messen, gegen den sie bestehen muß. Die filmische Nacherzählung einer wahren Begebenheit wird zum Beweis übermenschlicher Gefühle in Zeiten unmenschlicher Taten degradiert. Der geschichtliche Hintergrund wird Mittel zum Zweck und durch eine Überladung mit Licht und Musik die Liebesgeschichte zum Kitsch.

D 2011, 105 min
Verleih: Movienet

Genre: Drama

Darsteller: Alice Dwyer, Mateusz Damiecki, Dagmar Manzel

Regie: Anna Justice

Kinostart: 05.01.12

[ Marcel Ahrenholz ] Marcel mag Filme, die sich nicht blind an Regeln halten und mit Leidenschaft zum Medium hergestellt werden. Zu seinen großen Helden zählen deshalb vor allem Ingmar Bergman, Andrej Tarkowskij, Michelangelo Antonioni, Claude Sautet, Krzysztof Kieslowski, Alain Resnais. Aber auch Bela Tarr, Theo Angelopoulos, Darren Aronofsky, Francois Ozon, Jim Jarmusch, Christopher Nolan, Jonathan Glazer, Jane Campion, Gus van Sant und A.G. Innaritu. Und, er findet Chaplin genauso gut wie Keaton ...