D/Österreich 2026, 123 min
Verleih: Eksystent

Genre: Drama

Darsteller: Birgit Minichmayr, Lotte Shirin Keiling, Tristán López, Carla Hüttermann

Regie: Sandra Wollner

Kinostart: 06.08.26

Everytime

Das Verlorene unter der Sonne

Ella im Laufschritt voran, die Töchter hinterher, verkeilt im Streit um das geteilte Kinderzimmer. Mama ahnt, welche „Privatheit“ ihrer Großen vorschwebt. Die Kleine will auch „privat“, weiß aber nicht, wofür. Daheim stehen die Koffer für den Familienurlaub auf den Kanaren bereit. Am Vorabend der Reise endlich Ruhe. Sogar Melli, eine anstrengende Zehnjährige, schläft jetzt. Nur Jessie stiehlt sich mit dem Schulfreund Lux noch einmal in die Berliner Nacht – ein Trip voller Verliebtheit, Stakkato-Licht und Pillen, der die zwei benommen in den Sonnenaufgang entläßt. Jessie wird 16 Jahre, 10 Monate und 5 Tage alt bleiben. Für immer. Das entnehmen wir dem Grabstein.

Hat ein Trauerfall nicht mattschwarz, betongrau oder grellweiß auszusehen, auf daß die Welt den Hinterbliebenen mit angemessen fahlem Teint gegenübertrete? Brachte uns die alte Tante Kino nicht bei, daß auch der Himmel zu Beisetzungen weinen müsse? Filmemacherin Sandra Wollner färbt den Todesmorgen orange, das Beerdigungswetter bleibt unerwähnt, genau wie die Zeit danach und die Tränen darin. Erst als Lux auf die Szene zurückkehrt, als er mit Ella und Melli den Teneriffa-Urlaub nachholt, setzt sich wieder etwas in Gang, das man für „Handlung“, vielleicht für „Heilung“ halten könnte. Doch die Unerbittlichkeit, mit der Wollner jeden visuell ritualisierten Betroffenheitsjargon verweigert, schürt Zweifel. Was und wohin wird gezeigt?

DAS UNMÖGLICHE BILD erscheint im Rückblick programmatisch. Begeistert nahmen Kritik und Festivals die erste abendfüllende Regiearbeit der Österreicherin auf und erklärten die damalige Noch-Studentin für fähig, dem Unmöglichen mit neuer cineastischer Kraft zu begegnen. Nach dem preisgekrönten Science-Fiction-Drama THE TROUBLE WITH BEING BORN folgt nun Langfilm Nummer drei, ausgezeichnet in der Cannes-Sektion „Un Certain Regard.“ Lauter Dekorationsartikel für die Galerie der Connaisseurs? Im Gegenteil! Dieser stille Katastrophenfilm entwickelt mit Suspense, Understatement und einer umwerfend standfest agierenden Birgit Minichmayr enorme emotionale Wucht. EVERYTIME wühlt in der Schnittstelle zwischen Horror Vacui und digitaler Bildüberschwemmung. Er spricht in Filtern, ISO-Werten, Pixeln und Voxeln. Er hat etwas zu sagen: über die Unmöglichkeit, gleichzeitig loszulassen und festzuhalten.

[ Sylvia Görke ]