Originaltitel: 8-BAN DEGUCHI
J 2025, 95 min
Verleih: Plaion
Genre: Horror
Darsteller: Kazunari Ninomiya, Yamato Kôchi, Naru Asanuma
Regie: Genki Kawamura
Kinostart: 13.08.26
Das Kino ist um ein liminales Gruselkabinett reicher. Kurz nach den BACKROOMS kommt der nächste Film in die deutschen Kinos, der sich am Schrecken endloser, vertrackter Räume und Übergänge versucht. Dieses Mal stand kein Internet-Meme Pate, sondern ein Videospiel, das so minimalistisch wie effektiv gebaut ist. Da läuft man in der Egoperspektive durch den verwinkelten Gang einer U-Bahn-Station, sucht nach dem Ausweg und wartet darauf, daß sich in der immergleichen Umgebung mysteriöse Anomalien zu erkennen geben. Für ein erzählendes Kino gibt das an sich erst mal wenig her.
Der japanische Autor und Filmemacher Genki Kawamura hat dennoch einen Weg gefunden, diese simple Prämisse und ästhetische Erfahrung für die Kinoleinwand aufzubereiten. Interessant ist dabei vor allem sein Spiel mit dem Sehen an sich. EXIT 8 beginnt wie das Videospiel als Point-Of-View-Film, inszeniert aus der subjektiven Sicht der Hauptfigur. Ein junger Mann ist auf dem Weg zur Arbeit, eingepfercht in der U-Bahn. Ein anderer brüllt eine Mutter wegen ihres quengelnden Kindes an. Wegsehen oder einschreiten?
Ravels „Boléro“, dieses in der Wiederholung aufbrausende Musikstück, eröffnet den Film als Leitthema und zieht die Spannung an. Und dann folgt die Schreckensnachricht: Der Protagonist wird Vater. Seine Ex-Partnerin teilt ihm die Botschaft am Handy mit, doch bevor es zu einem klärenden Gespräch kommt, bricht die Verbindung ab. Der Protagonist findet sich in jenem Gang und
Tunnel wieder, der einen immer wieder an den Ausgangspunkt zurückbringt. Mit dem Eintritt in diese räumliche Schleife wechselt die Kamera in eine Außensicht, als würde sie sich vom Körper spalten, zu ihm in Distanz treten, um zu beobachten, wie er auf seine mißliche Lage reagiert.
EXIT 8 entpuppt sich dabei als im besten Sinne formalistisch gedachter Horrorfilm, in dem gar nicht viel plakativ Grauenerregendes sein Unwesen treiben muß, um eine schaurige Wirkung zu entfalten. Stark sind vor allem die eleganten Choreographien mit der Kamera, die langen Einstellungen, die sich um Figuren und an den weiß gekachelten Wänden entlangbewegen, bis man selbst die Orientierung verliert. Insofern chapeau! Kawamura hat es geschafft, das beklemmende Spielgefühl der Vorlage mit großer visueller Raffinesse in ein anderes Medium zu übertragen. Seine Schwachstelle zeigt sich nur in der Konstruktion der Handlung ringsherum.
Schon der artverwandte BACKROOMS hatte zu kämpfen, wenn er bisweilen vorgab, sein abstraktes Szenario auf psychologische Erklärmuster runterzubrechen. Wo sich dort das meiste dennoch in die Offenheit und Mehrdeutigkeit rettete, verengt sich EXIT 8 deutlicher in seinem Interpretationsspielraum. Kawamura erzählt ein psychologisches Drama, eines über die Furcht vor der eigenen
Rolle und Verantwortung. Und als ein solches Drama nähert sich der Film fast schon einem Lehrstück: Hier soll jemand in einer Simulation erzogen werden, sich in einem neuen Lebensabschnitt einfinden, das Zaudern hinter sich lassen. Es geht darum, eine Unterbrechung in der Routine zu provozieren. Insofern verpufft der Horror ein wenig, sobald die Schwellenerfahrung ihre eigene Überwindung sucht, sobald es eindeutig darum geht, in einem neuen Zustand anzukommen, dieser Zwischenwelt, die so eindrucksvolle Schauwerte hervorbringt, zu entfliehen.
Der Raum von EXIT 8 wird zur entgrenzten wie in sich geschlossenen Bühne und zum Spielfeld, auf dem die Zeiten durcheinandergeraten, über das die Zukunft schon gespenstisch als Prüfung herfällt. Auch das Analoge und Digitale geraten dabei durcheinander: Hoffnungs- und Horrormeldungen, die erst auf dem Smartphone vorbeiziehen, werden ganz unmittelbar zu einer Welt, die die Gegenwart sein soll.
Aber was ist am Ende das schlimmere Gefängnis? Der sich immer weiter ausdehnende Tunnel mit seinen Illusionen und Wiederholungen oder das Korsett der Handlung, das sich mit jeder Minute fester zusammenzieht?
[ Janick Nolting ]