Originaltitel: BERGERS

F/Kanada 2024, 113 min
Verleih: Film Kino Text

Genre: Drama

Darsteller: Félix-Antoine Duval, Solène Rigoz, Guilaine Londez, Michel Benizr

Regie: Sophie Deraspe

Kinostart: 10.09.26

Hirten

Ein Aussteigertraum

Kein Internet, keine Rechnungen, keine Supermärkte. Mathyas und Élise verbringen als frisch verliebtes Schäferpaar den Sommer hoch oben in den französischen Alpen. Zwischen blumenübersäten Almwiesen und schneebedeckten Berggipfeln leben sie mit hunderten Schafen ihren Aussteigertraum. Alle Alltagsverpflichtungen und -sorgen haben sie zurück im Tal gelassen. Mathyas hat in Montréal seinen Job als Werbetexter an den Nagel gehängt und Élise ihre Beamtenlaufbahn in Arles. Das Schäferdasein war nur eine fixe Idee in Mathyas’ ausgebranntem Kopf. Der Film von Regisseurin Sophie Deraspe zeigt zunächst, wie er sich als Lehrling bei verschiedenen Schäfern in Südfrankreich verdingt. Die belächeln anfangs das kanadische Grünhorn. Da trifft romantisiertes Wunschdenken auf den Boden der Realität: Der Klimawandel verknappt die Weideflächen, permanente Geld- und Nachwuchssorgen sowie Verluste durch Wolfsrisse plagen die traditionelle Wanderschäferei. Auch Élise muß erst ihren Weg zur Herde finden.

Nach beider eher holprigem Einstieg in die Welt des Schafehütens nimmt der Film eine leicht märchenhafte Wendung. Eine Auftraggeberin, die ein Schäferpaar sucht, erscheint aus dem Nichts und schickt die Neulinge mit ihrer Herde auf die Berge. Wundgelaufene Füße und Unwetter sind Bewährungsproben auf dem Weg zu Vollblutschäfern. HIRTEN ist tatsächlich großes Kino: ein dramaturgisch sehr klassisch aufgebauter und großartig bebilderter Film zum Träumen und Schwelgen. Er ist angelehnt an den autobiographischen Erfahrungsbericht des kanadischen Autors Mathyas Lefebure. Zwar trägt der eigens komponierte Soundtrack mitunter etwas dick auf und ständig hört man Glockengebimmel, obwohl die Schafe sichtbar glockenlos durch die Landschaft trappeln, aber das sind Randnotizen. 

Zweifelsohne wird hier die Sehnsucht der Zivilisationsmüden bedient. Die Figuren durchleben stellvertretend für das Publikum das Gedankenspiel, wie es wäre, einfach mal alles hinter sich zu lassen. Gleichzeitig werden die Schäfer als die wahren Freigeister zelebriert. Freilich ist HIRTEN am interessantesten Punkt zu Ende: Wie mag es Mathyas und Élise wohl nach dem mit Blessuren überstandenen ersten Sommer ergehen, wenn Traum und Realität wieder anfangen, sich aneinander zu reiben? Aber da rollt schon der Abspann.

[ Dörthe Gromes ]