D 2026, 102 min
Verleih: Tobis
Genre: Tragikomödie, Literaturverfilmung
Darsteller: Rosalie Thomass, Elise Lindner, Golo Euler, Johanna Gastdorf, Juliane Köhler
Regie: Aron Lehmann
Kinostart: 08.10.26
Elas Mutter hat, sagt die 7jährige, drei Dinge bei ihrer Heirat unterschätzt: die Bedürfnisse ihres Mannes, den Neid der Schwiegermutter und die Schwerkraft des Dorfes. Obacht in Obach, einem Westkaff in den 80ern! Erste echte Freischwimmzüge für unorganisierte BRD-Frauen liegen noch kein Jahrzehnt zurück. So ist Elas Papa davon überzeugt, jegliche berufliche Beförderung zu verpassen, weil er keine „vorzeigbare Frau“ hat. Was immer es bedeutet. An seiner Cornelia sieht er nicht, was sie zu leisten imstande wäre, auch im Job, nein, er sieht: ihr Körpergewicht. Daß sie primär den Familienladen zusammenhält und in nächster Nähe seinen bösen Mutterbesen Martha als Sparringspartnerin zu bändigen hat, ist altbundesdeutsche Norm. Wie die Brigitte-Diät. Und Cornelia selbst? Ist per se kein devotes Opfer, nur viel zu zaghaft noch im Ausleben ihres Ichs fernab der zugewiesenen Rolle. Ein paar Erwiderungen, routinierte Kompensationen, Schläge mit dem Geschirrtuch auf die Küchenzeile und die dünne Ausrede, sie leide an „rückkehrender Gewichtszunahme“, müssen genügen. Vorerst.
Regisseur Aron Lehmann, geprüft in tragikomischen Geschichten voller frühlingsblühender Phantasie und eigenschöner Poesie, erzählt auf Basis des Romans von Daniela Dröscher sowie des Drehbuchs von Hauptdarstellerin und Partnerin Rosalie Thomass eine so sanfte wie am Ende gewichtige Familiengeschichte als muntere Story einer Blockade mit Anleitung zur Dekonstruktion. Die Perspektive gehört Ela. Sie schaut uns mitunter direkt in die Augen, spricht aus dem Off herrlich altkluge Sätze und weiß mit purer Loyalität zu punkten.
LÜGEN ÜBER MEINE MUTTER ist auch ein spezieller Liebesfilm. Er beginnt in milchigen Super-8-Farben am italienischen Strand und schließt, viel schärfer konturiert, genau dort. Dazwischen die Tat einer Heldin, Fallhöhen haben die anderen. Wieder funktioniert das bevorzugt in Räumen spielende Werk über den leichten, nicht leichtfertigen Lehmann-Ton, der das tieferliegende Dilemma von Cornelia spürbar werden läßt. Unterm „Bin ich schön?“ lauert das „Was ist schön?“, und die 80er waren plötzlich erst vorgestern vorbei oder sind es gar noch nicht.
Vielleicht hilft ja immer noch ein Tanz. Der von Cornelia auf dem Dorffest ist der fulminante Aha-Akt einer Befreiung, der schlußendliche von Mutter und Tochter zielt auf Steine. Auf daß sie weich werden.
[ Andreas Körner ]