Originaltitel: À VOIX BASSE

F/Tunesien 2026, 110 min
Verleih: Neue Visionen

Genre: Drama

Darsteller: Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, Feriel Chamari

Regie: Leyla Bouzid

Kinostart: 09.07.26

Mit leiser Stimme

So tun, als ob

Lilia reist von Paris nach Tunesien, zur Beerdigung des Onkels Daly, gestorben eindeutig vor seiner Zeit. Ihre Lebenspartnerin Alice darf zwar mit, bleibt indes im Hotel; schier erdrückend die Angst vor einem familiären Erdbeben, sollte die Beziehung publik werden. Ganz abgesehen davon, daß Homosexualität unter Strafe steht. Aber Daly verheimlichte ebenfalls etwas, die Polizei klingelt an der Tür, um gewisse „Details“ des Todes zu klären …

Bevor sich jedoch jenes Gespinst aus Geheimnissen um den Film legt, wandelt Lilia durchs Haus, gleichzeitig geleitet und verfolgt von Erinnerungen, die in Vorhangstoffen schaukeln, aus Ecken wispern. Ein süßlich-dunkler Schleier, den Regisseurin Leyla Bouzid elegant wie beengend über die rituell trauernde Gemeinde legt, auch spontan durch eine als Fotoroman inszenierte Rückblende zerreißt. Und recht offensichtlich aus eigenem Erleben schöpft, dabei völlig unaufgeregt agiert. Egal, ob Artikel 230 gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen kriminalisiert – übrigens ein Passus aus der Kolonialzeit – oder private Seligkeit wie so oft davon abhängt, was Nachbarn denken.

Solche Zurückhaltung läßt Raum für emotionale Reflexion und mimische Brillanz, wobei Hiam Abbass heraussticht, Lilias Mutter ambivalent zerrissen zwischen Liebe, Abwehr und mancher Enttäuschung anlegt. Erneut eher flüsternd denn schreiend, wahres Unglück ist zu erschöpfend, um sich lautstark zu entäußern. Ein Mantra schwebt gewitterwolkig über allem: „Erzähle Oma nicht, daß …“, Lilia wird zunehmend von Schwere ergriffen, findet Lebendigkeit nur bei Alice. Und Bouzid schaut immer noch einfach zu, klaren Blickes, ohne Urteil, verstehend und verzeihend. Was man erst mal können muß.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...