Originaltitel: SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF

D/CH 2026, 110 min
FSK 12
Verleih: X Verleih

Genre: Dokumentation, Biographie

Regie: Sabine Lidl

Kinostart: 02.04.26

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Siri Hustvedt

Geist und Geister einer Wortarbeiterin

Selbst ist die Frau. Ob Siri Hustvedt diesen vulgärfeministischen Alltagsspruch in den Mund nähme? Die US-amerikanische Femme de Lettres gibt sich mit solchen Kraftausdrücken weiblicher „Selbst“-Behauptung normalerweise nicht zufrieden. Als Romancière und durch künstlerische wie wissenschaftliche Felder vagabundierende Essayistin begreift sie das „Selbst“ nicht als Gegebenheit, sondern als Werkstoff. Und ganz gleich, wie es uns in ihren literarischen Figuren entgegentritt, ob als Frau im Kleid oder Mann mit Hut: Es sagt „Ich.“ Immer.

In diesem Dokumentaressay sitzt nun das Hustvedt-Ich vor dem Ich der deutschen Porträtspezialistin und gelernten Maskenbildnerin Sabine Lidl. Es gilt, das an Leib- und Leseerfahrungen sich brechende Selbst der Literatin aufzufalten. Eloquent und charmant spricht Hustvedt von der Menge an getippten Seiten, bis endlich „alle Bälle in der Luft“ sind. Wenn sich der Kamerablick vom Gesicht dieses Talking Head löst, beginnt der Jonglage-Akt der Filmemacherin. Lidl streift durch die Zimmer des ehelichen Haushalts in Brooklyn, aus denen der Schriftsteller Paul Auster ins Objektiv schaut. Dann durch New Yorker Architekturen, in denen gezeichnete Frauenwesen und eine umrißlose Realgestalt Hustvedts Textlandschaften erwandern. Schließlich durch die Räume der Familien-, Kunst- und Psychiatriegeschichte, in denen sich die norwegische Mutter, die ewig vatermordende Bildhauerin Louise Bourgeois, die Dada-Baroneß Elsa von Freytag-Loringhoven und die Science-Fiction-Pionierin Margaret Cavendish mit Altkanzlerin Angela Merkel zum Reigen versammeln.

Daß das Wirkliche dem Dokumentarischen auf manchmal makabre Weise mitspielt, verdient eigentlich keine Erwähnung. Doch Lidls Porträt gibt Anlaß dazu. Als nach zwei Jahren Dreh am 30. April 2024 um 18:58 Uhr New Yorker Zeit Hustvedts „Lebensmensch“ – so nennt sie Auster auf Deutsch – dem Krebs erliegt, kommt dieser, und zwar genau dieser Film zur Welt. Ohne Austers Tod kein kondolierender Wim Wenders am Hexenmahnmal im norwegischen Vardø, nicht das Erinnerungsbuch „Ghost Stories“, dessen Entstehung hier mitverfolgt wird, nicht die Lesereise im Anschluß an den Erstverkaufstag am 13. März 2026. Sogar das Selbst, das hier – quasi vor weiterlaufender Kamera – ein innig geliebtes Du verliert, wäre wohl ein anderes.

[ Sylvia Görke ]

Siri Hustvedt ab heute im Kino in Leipzig