Originaltitel: THE DEATH OF ROBIN HOOD

USA 2026, 123 min
FSK 16
Verleih: DCM

Genre: Action, Drama

Darsteller: Hugh Jackman, Jodie Comer, Bill Skarsgård, Murray Bartlett

Regie: Michael Sarnoski

Kinostart: 18.06.26

1 Bewertung

The Death Of Robin Hood

Ein Bandit dankt ab

Robin Hood wird zur Ader gelassen. Buchstäblich und im übertragenen Sinne. Genesen soll er und doch schwinden ihm die Kräfte. Zwischen Heilung und Sterben bleiben ihm nichts als die zahllosen Vergehen seines Lebens, mit denen er nun noch einmal fertig werden muß. Hugh Jackman verkörpert den sagenhaften Heros in einer Version, wie man sie so noch nicht gesehen hat. Es gab schon ernste, düstere Auseinandersetzungen mit dem berühmten Ganoven, der den Reichen genommen und den Armen gegeben haben soll. Aber an einer so radikalen Umkehr dieses Charakters hat sich bislang noch keiner versucht.

THE DEATH OF ROBIN HOOD arbeitet sich an alten literarischen Quellen ab, zuvorderst an einer Ballade, die den Tod des Helden durch eine Priorin schildert. Sie bildet den Ausgangspunkt eines sehr bitteren, abgründigen Blicks auf das Leben im 13. Jahrhundert. Der Film braucht dabei nur wenige Minuten, um seine These auszuformulieren. Oder noch nicht einmal das! Eigentlich setzt schon das Filmplakat den Punkt. „He Was No Hero“ steht darauf in großen Lettern. Er war kein Held. Und wer das noch nicht glauben will, bekommt die Sache schnell anschaulich vorgeführt.

Die erste Figur, die sich anfangs dem Aussätzigen in der Wildnis nähert, hat noch all die Sagen, Legenden und Verklärungen im Kopf. Dann folgt das böse Erwachen. Nichts davon soll wahr sein. Ein grausamer Bandit und Mörder ist dieser Robin Hood in Wirklichkeit. Gemeinsam mit seinem Handlanger Little John hat er Schlimmes getan. Nun zieht er als angeknackster älterer Mann mit Silberlocken und Rauschebart umher und kämpft weiter ums Überleben. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Nach kurzer Zeit schreitet er zur ersten Bluttat auf der Leinwand. Weitere werden folgen. Die Prämisse, eine so schillernde Sagengestalt als verkommene, zerstörerische Kraft zu entlarven, wird dem Publikum im ersten Akt drastisch ins Bewußtsein gehämmert. Es sind enorm schmerzhafte Minuten, die man durchstehen muß! Mit Flammen, Matsch, eingeschlagenen Köpfen, mit Stichen, Schlitzen, zerrissenen Körperteilen und viel Kunstblut. Pat Scola, verantwortlich für die Kamera, wechselt immer wieder zwischen breiten Aufnahmen der nebelverhangenen irischen Landschaften und intimen, schwankenden, chaotischen Körperstudien an der Grenze zum Tod. Werke wie VALHALLA RISING oder THE NORTHMAN kommen einem bei diesen heftigen Bildern in den Sinn.

Robin Hood metzelt sich hier noch einmal von einem Angreifer zum nächsten, ehe er schwer verwundet am Boden liegt. Doch weil an diesem Punkt noch nicht einmal die Hälfte des Films überstanden ist und es sich nicht so schnell stirbt, vollzieht THE DEATH OF ROBIN HOOD eine Wende. Der Versehrte wird in ein abgelegenes Kloster gebracht, wo ihn die Priorin, gespielt von Jodie Comer, pflegt. Das Gewaltinferno des Auftakts weicht damit einem ruhig erzählten Charakterdrama. Der aggressive und von schwarzen Balken am oberen und unteren Bildrand verengte Blick auf die Welt öffnet sich. Das Bildformat wechselt, und der Antiheld zieht eine Bilanz seines Lebens. Taugt das noch zur Rehabilitierung? Kann man ihm vergeben? Wollen er und sein Umfeld das überhaupt?

Robin Hood positioniert sich selbst gegen einen Neuanfang. Er strebt lediglich nach dem guten Tod. Aber welchen Reiz besitzt das, ihn bei diesem Streben über eine stolze Laufzeit von zwei Stunden zu begleiten? Der Bruch mit der Sensationsgier, die der extreme Anfang vielleicht noch befriedigt, ist als künstlerische Haltung durchaus ambitioniert. THE DEATH OF ROBIN HOOD will etwas Kritisches über das Prinzip der Blutrache erzählen. Er ist der Barbarei in der Welt überdrüssig. Generationen begegnen sich hier in wiederkehrender Gewalt. Was die eine Generation angerichtet hat, hallt in der nächsten nach und manifestiert sich in Körpern und gestörten Verhaltensweisen. Zaghafte väterliche Gefühle, die Jackmans Figur gegenüber einem Mädchen an den Tag legt, sind immer schon in Unbehagen getaucht. Welche Verantwortungen und Beziehungen von früher überschatten gerade das Miteinander? Welche unausgesprochenen Wahrheiten liegen in der Luft?

Letzte Lektionen erhoffen hier noch, den Blutrausch zu beenden, das Töten, das nur Anstoß für noch mehr Tote gibt. THE DEATH OF ROBIN HOOD entpuppt sich somit als brisanter, aktueller Film. Nicht nur in seiner Dekonstruktion von Heldenmythen und der folkloristischen Verklärung von Gewalt, egal ob als Aktion oder Reaktion. Es ist auch ein Werk, das sich inmitten heutiger Kriege und Kämpfe vor einer Zukunft fürchtet, die nach dem Ende dieser Konflikte eintreten könnte. Was, wenn die überwundene Aggression nur Grundsteine für weitere Zwistigkeiten setzt?

Das Problem ist nur, daß Autor und Regisseur Michael Sarnoski auf Dauer so wenig Abwechslung, so wenig Facettenreichtum in seine Dialoge und Beobachtungen packt. THE DEATH OF ROBIN HOOD ist dadurch ein äußerst behäbiges Unterfangen geworden, das seine eigene Pointe zu früh ausstellt und hinterher nur noch in Schleifen wiederholen kann. Seine leidvolle Selbstreflexion schafft einen zerdehnten Moment der Andacht, der jedoch so wirkt, als sei ihm zu spät eingefallen, daß man noch einen spannenden Film ringsherum konstruieren müßte.

Sarnoskis Historiendrama ist konzeptuell mehr eine Idee als eine interessante Geschichte, mehr eine einzelne Geste als eine packende Handlung. Da finden charakterliche Entwicklungen statt, ja. Da verändern sich Dynamiken. Gerade Comers Priorin nimmt in dieser Adaption des Stoffes eine bemerkenswerte Position ein, wenn sie zwischen ihren eigenen Idealen, einem Egalitarismus sowie ihren Rachegelüsten abwägen muß. Konfrontation unausweichlich! Bis Robin Hoods harte Charakterhülle aber vollends aufbricht und sich gerade in der Verletzlichkeit wahre Stärke zurückholt, kann die Erlösung nicht schnell genug eintreten – auch für das Publikum.

[ Janick Nolting ]