Originaltitel: THE SOCIAL RECKONING

USA 2026, 113 min
FSK 12
Verleih: Sony

Genre: Drama, Polit

Darsteller: Mikey Madison, Jeremy Allen White, Jeremy Strong, Bill Burr

Regie: Aaron Sorkin

Kinostart: 08.10.26

Noch keine Bewertung

The Social Reckoning

Verrat am Algorithmus

THE SOCIAL RECKONING tritt einen Schritt zurück, und vielleicht hinkt er damit der Gegenwart schon wieder hinterher. Seine Handlung konzentriert sich auf die Jahre 2019 bis 2021, um etwas über die Auswüchse des Tech-Kapitalismus und die Macht der sozialen Medien zu erzählen. Im selben Moment erscheinen all seine Ereignisse, die gerade mal wenige Jahre zurücklegen, schon wieder wie Schnee von gestern, kalter Kaffee irgendwie. Mit der zweiten Amtszeit von Donald Trump, den politischen Umtrieben von Elon Musk und seiner Twitter-Übernahme, den wachsenden Einflüssen von TikTok auf Sehgewohnheiten und Inszenierungen und so weiter: Da rennt dieser Film mit seinen Warnungen und Fragen im Grunde offene Türen ein. Wenngleich sie in ihrem konkreten Sachverhalt natürlich keineswegs irrelevant sind, um die Gegenwart besser zu verstehen! Aber was bleibt abseits der betonten Wichtigkeit von diesem Werk übrig?

THE SOCIAL RECKONING ist der Nachfolger von THE SOCIAL NETWORK aus dem Jahr 2010. Er stellt keine direkte Fortsetzung dar, allein, was den großen Zeitsprung zwischen den Handlungen anbelangt. Vielmehr versucht er sich an einer Neubetrachtung. Man schaut Jahre später noch einmal darauf zurück, was den Wurzeln des ersten Films in der Realität entwachsen ist. Während Teil 1 von Mark Zuckerberg und der Geburt von Facebook Anfang der 2000er erzählte, rückt nun Zuckerberg, jetzt nicht mehr von Jesse Eisenberg, sondern von Jeremy Strong gespielt, in die zweite Reihe. Stattdessen treten eine Whistleblowerin und ein Journalist ins Zentrum der Geschichte. THE SOCIAL RECKONING erzählt von den Recherchen hinter den sogenannten Facebook Files, die das Wall Street Journal 2021 veröffentlichte. Mikey Madison spielt dabei die Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen, die laut eigenen Aussagen Facebook helfen und nicht schaden will. Zumindest wird sie aber am Fundament ihres Arbeitgebers rütteln. Sie ist es, die dem Journalisten Jeff Horwitz geheime Einblicke in die Strukturen von Facebook gewährt. So geht es in diesem Film nicht nur um die Auswirkungen der Seite auf die Gesundheit junger Menschen, sondern vor allem um das Geschäft mit Haß und Polarisierung.

Man will Profit aus der Provokation und Radikalisierung von Menschen schlagen. Über die Hälfte aller Personen, die rechtsextremen Facebook-Gruppen beigetreten sind, sollen über den Algorithmus in diese Ecken gelenkt worden sein, erzählt der Film. Und THE SOCIAL RECKONING beginnt direkt mit einer starken, unangenehmen Sequenz, die die Reizmechanismen und Selbstinszenierungen ins Visier nimmt, mit denen jene Ecken und Filterblasen dann gefüttert werden. Da wartet eine Frau neben dem Auto am Straßenrand und gerät mit zwei Cops aneinander, zwei Schwarze. Die Situation schaukelt sich immer weiter hoch, ehe das Smartphone gezückt und ein verheerendes Video gedreht wird. Die Frau beklagt darin, als Amerikanerin und wegen ihrer weißen Hautfarbe benachteiligt und schlecht behandelt zu werden. Feuer für ihre Gefolgschaft. Social Media als Waffe im Kulturkampf.

Es bräuchte eigentlich viel mehr solcher Situationen im Film, in denen Verhaltensweisen durchgespielt und zum Pulverfaß werden, in denen Stimmungen bedrohlich kippen. Nur interessiert sich THE SOCIAL RECKONING zu selten für echte zwischenmenschliche Dynamiken oder auch für die unterschiedlichen Facetten seiner Charaktere. Manchmal fragt man sich sogar, was Aaron Sorkin überhaupt an der Form des Spielfilms gegenüber dem Dokumentarischen gereizt hat, um diesen Stoff zu adaptieren. Sorkin, der schon das Drehbuch des ersten Films geschrieben hat und nun David Fincher auf dem Regiestuhl beerbt, ist vor allem an der Aufklärung und am Argument, weniger am Beobachten und Argumentieren an sich interessiert. Dafür ist alles ganz funktional und knapp konstruiert, wie seine Figuren miteinander sprechen und wie sie aufgestellt sind. Das ist Journalismus-Kino, das seinem Publikum viel präsentieren und durchaus auch predigen will. Und dabei werden eben vor allem Fakten und Details über das Gewinnstreben sozialer Medien erklärt, die vermutlich jeder schon einmal so oder so ähnlich mitbekommen hat, wenn man nicht völlig blind durchs Internet tappt.

Und doch ist erstaunlich, daß es dem Film ganz gut gelingt, ein Gefühl von Spannung zu vermitteln, gerade bezüglich der weiblichen Hauptfigur, um die sich die Schlinge nach ihrem Vertragsbruch immer enger zusammenzieht. Man bleibt durchaus interessiert am Ball. Temporeich ist das erzählt, auch wenn das Dialogkino von Sorkin visuell so unspektakulär und trocken ist wie all seine bisherigen Regiearbeiten. Ein interessanter Bildkünstler wird aus dem OSCAR-prämierten Drehbuchautor vermutlich nicht mehr. Sorkin schafft dafür eine recht mitreißende Verdichtung über die Gegenüberstellung der Perspektiven sowie einige Sprünge auf dem eingeblendeten Zeitstrahl. Und so stechen gerade die Auftritte von Strongs Zuckerberg heraus. Schlagfertig, kühl, unheimlich kontrolliert. Wie der Film ihn auf Themen wie Wahlwerbung, Fake News und das fehlende Moderieren von Inhalten antworten läßt, führt zum eigentlichen Knackpunkt. Sie seien nicht der Schiedsrichter, sondern der öffentliche Raum, sagt Zuckerberg. Er, der sich als „Free Speech Absolutist“ bezeichnet, verweist auf die Mündigkeit der Nutzer. Man denkt dabei sofort auch an gewisse Content Creator, die sich gern in solche Ausflüchte retten.

Das Beharren darauf, nur die Plattform anzubieten und alles weitere den Menschen da draußen zu überlassen, verschleiert natürlich nicht nur die gezielt manipulative Struktur, die im Hintergrund Geld erwirtschaftet, sondern ist zugleich die übelste Möglichkeit, sich aus der Verantwortung für den eigenen Opportunismus und das eigene Wirken zu winden. Indem der Film quasi vom Verrat am Algorithmus und dem Verrat am Geschäftsmodell erzählt, reißt er das Märchen von der vermeintlich neutralen Plattform rigoros und unmißverständlich ein. Ohne dabei den schwer auflösbaren Konflikt, wie man parallel dazu Meinungsfreiheit schützen kann, aus den Augen zu verlieren!

Und doch versemmelt THE SOCIAL RECKONING ein wenig seine Punktlandung, gerade wenn die Zäsur des Sturms auf das Kapitol und die Mitverantwortung von Social Media thematisiert werden. Sorkin holt hier zu einer Parallelmontage aus, die die Destruktion und die Sehnsucht nach einer neuen sozialen Konstruktion eins werden lassen will. Man kommt in finsteren, dystopischen Zeiten an. Gerade mit dem Wissen um die letzten Jahre, die das, was hier gezeigt wird, eher verschlimmert haben. Zugleich sehnt man sich in pathetisch gesprochenen Worten nach Recht und Ordnung, nach dem Eingreifen und Korrektiv der demokratischen Institutionen. Man ersucht das Funktionieren des Staates. In den Bildern von THE SOCIAL RECKONING wird dieses Plädoyer eher zum naiven ästhetischen USA-Kitsch.

[ Janick Nolting ]

The Social Reckoning ab heute im Kino in Leipzig