Originaltitel: VERITY

USA 2026, 118 min
FSK 12
Verleih: Sony

Genre: Thriller, Psycho, Literaturverfilmung

Darsteller: Anne Hathaway, Dakota Johnson, Josh Hartnett

Regie: Michael Showalter

Kinostart: 01.10.26

1 Bewertung

Verity

Medea im Glashaus

Colleen Hoover sollte man nicht nur auf das Seichte und Triviale beschränken, das man ihr bisweilen als Stempel aufdrücken will. Die Romanzen und romantischen Thriller der Texanerin sind irre erfolgreich. Und na klar, da ist bestimmt viel Formelhaftes und Effekthascherisches dabei. „Verity“, einer ihrer populärsten Romane, ist jedoch, wie übrigens auch Hoovers aktuellstes Werk „Woman Down“, das beste Beispiel, daß sich deutlich mehr hinter der Fassade verbergen kann. Natürlich sind das teils trashige, stilistisch simple Unterhaltungsromane, voll von aberwitzigen Wendungen und wüst konstruierten Charakteren, Dialogen und Situationen. Das Hanebüchene dieser Literatur macht zugleich allerdings einen erheblichen Reiz beim Lesen aus und ist nur der Ausgangspunkt für ein Gedankenspiel (in diesem Fall zum Thema Autorenschaft), das bei genauerem Hinsehen eigentlich brillant und provokant erdacht ist.

Die Verfilmung VERITY hat genau diese Qualität erkannt. Sie ist als Adaption hervorragend geglückt. Nicht, weil sie einen sonderlich originellen Zugang zur Vorlage findet, sondern, weil es ihr unter der Regie von Michael Showalter bestens gelingt, die Gleichzeitigkeit von Tiefgang und Oberflächlichkeit, von albernem Schund und Cleverness in eine verruchte filmische Räuberpistole zu übersetzen. Ständig an der Grenze von unterschwelliger Geilheit, Triebkontrolle und biederer Spießigkeit, die sich selbst nicht mehr über den Weg trauen kann.

Der Spaß beginnt schon bei der unausstehlichen Naivität und späteren Dreistigkeit der Protagonistin. Dakota Johnson spielt die Hauptrolle und leiht ihr Gesicht einer der beiden Schriftstellerinnen, die hier auf Konfrontationskurs gehen. Lowen, so heißt sie, wird als Ghostwriterin engagiert. Sie soll das Werk der Star-Autorin Verity (verkörpert von Anne Hathaway) vollenden, die nach einem Unfall an Bett und Rollstuhl gefesselt ist. In dem prachtvollen, mit Glasfassaden errichteten Haus angekommen, bahnt sich nicht nur eine Affäre zwischen Lowen und Veritys Ehemann an. Lowen findet auch ein autobiographisches Manuskript, das einen Einblick in die dunkle Seele der Autorin gewähren soll und das Rätsel um den Tod ihrer Tochter und ihren Autounfall lösen könnte.

Nun ist dieser Erotikthriller gleich aus zweierlei Hinsicht spannend. Einerseits aus Sicht der Figurenpsychologie. Da befassen sich zwei Frauen mit Vorstellungen von Weiblichkeit und werden von ihren Rollen und Gefühlen verunsichert. Da geht es um das weibliche Böse. Verity als Rabenmutter, als sogenanntes Luder, als potentielle Kindsmörderin. Eine zeitgenössische Medea, die ihre Liebe, ihr sexuelles Begehren, aber auch ihre Angst vor Kränkung und Einsamkeit über das Wohl ihres Nachwuchses stellt. Verity als Projektionsfläche für die eigene gehemmte Lust und zugleich als Manifestation der Eifersucht und Kontrolle. Eine Instanz, die womöglich jederzeit über das Vergehen des Ehebruchs und des Eindringens in die Familie richten könnte. Und an diesem Punkt ist der Film durchaus ernst und dicht in seiner schauderhaften, kühlen Atmosphäre. Man spürt die Bedrohung im Haus, die Präsenz der Schriftstellerin, die wie ein Gespenst umherspukt, und von der man bis zum Schluß nicht so genau weiß, wie viel Leben wirklich in ihr steckt. Wer den Roman nicht kennt, wird vielleicht verblüfft sein von den doppelten und dreifachen Wendungen, die der Thriller nimmt. Aber selbst wenn man die Pointe von VERITY kommen sieht, ist sie in ihrem Aufbau nicht weniger interessant.

Denn das ist der zweite spannende Aspekt: die Auseinandersetzung mit der Fiktion, dem Erzählen und Darstellen. Wenn Lowen das Manuskript von Verity studiert, das ständig als Running Gag schriftlich auf der Leinwand vorüberzieht, dann ist das die Begegnung mit einem Bild zwischen Schein und Sein. Das Bild der Autorin erscheint früh durch den Text und beim Lesen als trügerisches Medium vor dem geistigen Auge und in der Vorstellungskraft. Eine Art implizite Autorin, könnte man sagen, wenn man dem mit literaturwissenschaftlichen Diskursen begegnen will. Und VERITY reibt sich schon die Hände, die reale Autorin sowie die Phantasie und das Image selbiger in eine völlig unzuverlässige Konstellation zu versetzen. Vermeintliche Beweisstücke aus der Fiktion, ein Kleid etwa oder eine Kamera, werden im Alltag wiedererkannt und direkt wieder mit einem Fragezeichen versehen. Insofern ist diese Romanverfilmung ein bitterböses, schwarzhumoriges Experiment in Sachen Trennung von Werk und Autor(in). Ein Film über das Ende der Authentizität, das Mißtrauen gegenüber der Autobiographie und der biographischen Deutung von Kunst, die heute so ermüdend um sich greift und krampfhaft versucht, alle Ambivalenzen und Spannungen an die bloße Realität zu koppeln und sie mit eben dieser zu bändigen. Was auch immer man sich als Realität zurechtspinnt.

Und das Erschrecken gegenüber diesem Prozeß, seiner blinden Flecken, gegenüber der eigenen Leichtgläubigkeit und Verführbarkeit wird in VERITY umso spannender, da es an die Existenzgrundlagen geht. Denn auch davon handelt dieser mitreißende und unangenehme Film: von einem Kampf um den sozialen und materiellen Aufstieg, der erst spät der Grausamkeit seiner eigenen Mittel gewahr wird. Einmal in Veritys Gemächern schlafen, einmal in ihren Kleidern wandeln, einmal ihren Mann besitzen und ihren Ruhm genießen. Aber ab welchem Punkt schlägt das Aufklären, Ergründen und Durchspielen einer Wirklichkeit in deren Manipulation um?

[ Janick Nolting ]

Verity ab heute im Kino in Leipzig