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Yossi

Mit Gustav Mahler im Rückspiegel

Man konnte schon damals zornig werden, ob der fehlenden Empathie, des gelebten Phlegmas, der ewigen Rührungslosigkeit dieses Yossi Hoffman. Auch ob seiner Feigheit, die ihm letztendlich die große Liebe, den Soldaten Jagger, kostete. In Eytan Fox’ eindringlichem Drama YOSSI & JAGGER stand der dickliche Yossi trotz seiner jungen Jahre irgendwie für ein altes Israel, verschwiegen, verduckt, ein wenig feige. Hingegen der jungenhafte Yagger mutig, frech und lebensfroh war.

Zehn Jahre später ist Yossi, dessen Geschichte Fox nun fortführt, eigentlich nicht viel anders als damals – nur noch dicker. Noch immer hadert er mit sich und seinem Schwulsein, noch immer schaut er auf die Welt in einem Mix aus Abwarten, Argwohn und Scheu. Beruflich ist er als Kardiologe längst etabliert, doch die Einsamkeit, dieses ewige Alleinsein in seiner Bude, dieses Leben, das nur aus Arbeit besteht, nagt an ihm. Nachts zieht er sich Pornos rein, trifft sich ab und zu mit Chatbekanntschaften, von denen er sich dann auch noch runtermachen läßt. Das war’s. Eines Tages taucht in der Klinik eine ihm bekannte Patientin auf – Yaggers Mutter. Auch wenn sich Yossi nicht zu erkennen gibt, wird diese Begegnung zu einem Initial der Veränderung.

Er patzt auf der Arbeit, die Ringe unter den Augen wetteifern mit denen an der Hüfte, Yossi braucht eine Pause. Und diese wird zur Reise, auf der er Yaggers Eltern besucht, auf eine Gruppe Soldaten stößt, die er in seinem Auto mitnimmt, und als ausgerechnet bei Gustav Mahlers Musik Yossis Blick im Rückspiegel auf die schönen blauen Augen des jungen Soldaten Tom trifft, ahnen wir, warum losfahren erst einmal der richtige Weg ist ...

YOSSI ist vor allem ein Film des Bekennens, der schmerzlichen Wahrheit. Yaggers Verlust ist weitgehend nicht verarbeitet, und die sorgfältig aufgebaute Teddy-Fassade Yossis mußte übergroße Risse bekommen. Er ist schließlich noch nicht tot, er ist noch immer fähig zu lieben, und der junge und in seinem Temperament durchaus an Yagger erinnernde Beau Tom ist mit seiner Hartnäckigkeit, seinem forschen Drang der Richtige zur richtigen Zeit. Mit dieser Begegnung kriegt die Geschichte, die an sich einen schönen Rhythmus hat, endlich auch etwas Humor, denn der schläfrige Yossi hört die Musik alter Leute, lacht komisch, wie Tom richtig befindet, und auch dessen Überredung zur Massage birgt einigen Witz.

Die Tiefe des Erstlings kann der neue Film sicher nicht aufbringen, muß er auch nicht. Der Krieg im Libanon ist vorbei, eine neue Leichtigkeit versucht ihren Platz in einem noch immer widersprüchlichen Land zu verteidigen, und manchmal ist die Melange aus augenzwinkernder Luftigkeit, forschem Drang und einnehmendem Charme die beste Waffe gegen Stillstand. Dazu paßt Toms gespielte Naivität betreffs der Therapiemöglichkeiten im Zuge einer kleinen Verwundung: „Herr Doktor, darf ich küssen?“

Originaltitel: HA-SIPPUR SHEL YOSSI

Israel 2012, 85 min
FSK 12
Verleih: Pro Fun

Genre: Drama, Liebe, Schwul-Lesbisch

Darsteller: Ohad Knoller, Oz Zehavi

Regie: Eytan Fox

Kinostart: 14.02.13

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.