D 2007, 95 min
Verleih: Delphi

Genre: Episodenfilm

Darsteller: Jacob Matschenz, Ludwig Trepte, Peter Kurth, Oktay Özdemir, Hannah Herzsprung

Regie: Sven Taddicken, Carsten Ludwig, Jan-Christoph Glaser, Jakob Ziemnicki

Kinostart: 01.05.08

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1. Mai

Es lebt der Sonntagnachmittagsanarchismus!

Der 1. Mai ist jährlicher Großkampftag in Berlin-Kreuzberg. Jeder, der sich gerne ein kleines Zeitfenster Anarchie bewahren möchte, strömt am Tag der Arbeit in diesen Stadtteil der Hauptstadt. Auf der anderen Seite rollen die Mannschaftswagen der Polizei aus ganz Brandenburg ein. Soweit die Ausgangslage für den Episodenfilm von Sven Taddicken, Carsten Ludwig und Jan-Christoph Glaser sowie Jakob Ziemnicki, die drei autarke Erzählstränge der Ereignisse an einem 1. Mai in Berlin inszenierten. Weitere Regeln für das Gemeinschaftsprojekt: Jedes Team muß seine essentiellen Bilder auf der tatsächlichen Demo in Kreuzberg 2006 filmen. Die Geschichten folgen dem realen Tagesablauf und werden im fertigen Film parallel montiert. Deshalb muß jede Episode mindestens fünf Cliffhanger-Szenen enthalten. Und: Endpunkt für alle ist die Notaufnahme des Urban-Krankenhauses in Kreuzberg.

Dort sitzen sie dann vereint und doch jeder für sich, nach einem Tag, der im Polizeibericht als "ohne besondere Vorkommnisse" durchgeht. Für jeden Protagonisten hat sich jedoch etwas Entscheidendes verändert. Der Altpunker Harry ist auf den türkischen Jungen Yavuz getroffen, der nicht nur Straßenbarrikaden bauen, sondern endlich einen "Bullen platt machen" will, die Freizeitrebellen Pelle und Jakob haben sich mehr als ein bißchen Krawall organisiert, und Uwe, der Polizist aus der Provinz, war zum ersten Mal im Puff.

Alle sind sie klassische Antihelden, mit dem inneren Wunsch nach Stärke und Anerkennung. So will Yavuz mit Macht erwachsen werden und Uwe seiner untreuen Frau endlich mal zeigen, wo der Hammer hängt. Wenig erfährt man über die Vorgeschichte, kann zum Beispiel nur ahnen, wie öde und doch behütet Jacobs Leben bei den Großeltern auf dem Dorf gewesen sein muß. Warum er unbedingt ausbrechen will und dies auf so radikale Weise tut, bleibt als Frage im Raum.

Die unerklärten psychologischen Prozesse sind zugleich Stärke und Schwäche dieses ambitionierten Projektes. Auf der einen Seite besticht der Film durch seine unverstellten, auch stilistisch fast "roh" nebeneinanderstehenden Geschichten, auf der anderen Seite wirken die am Ende hergestellten Verknüpfungen oft zäh und zu konstruiert. Trotzdem bietet er einen erfrischend sarkastischen Blick auf die Bedeutungsverschiebung eines Tages, an dem mittlerweile von Arbeitern und Weltverbesserern keine Spur mehr zu finden ist.

[ Susanne Schulz ]

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