D 2013, 109 min
FSK 16
Verleih: Constantin

Genre: Drama, Schicksal

Darsteller: Antonia Campbell-Hughes, Thure Lindhardt, Trine Dyrholm

Regie: Sherry Hormann

Kinostart: 28.02.13

1 Bewertung

3096 Tage

Kein (Über-)Leben in Bildern

Es ist ein Jahr her, daß MICHAEL ins Kino kam. Ein brillantes, den Zuschauer durchaus an seine Grenzen führendes Werk über eine Kindesentführung. Ein ruhiger Film als Blick in die Hölle, in die durchorganisierte Perversion eines Pädophilen. Diesen Film haben in Deutschland gerade mal ein paar hundert Menschen im Kino gesehen. Das wird 3096 TAGE, ebenfalls die Geschichte einer Kindesentführung, wahrscheinlich nicht passieren. Beides darf man dem Publikum vorwerfen. Während das – zum Glück – rein fiktive Trauma des 10jährigen Jungen in MICHAEL kaum jemandem den Gang ins Kino wert war, wird dies bei der Verfilmung des Bestsellers von Natascha Kampusch sicher ganz anders aussehen. In einer Mischung aus ordinärem Voyeurismus und der Faszination für das Böse dieser Welt, angereichert mit der – oft verlogenen – Anteilnahme am Schicksal dieses Mädchens, verfolgten Millionen Zuschauer die über Jahre andauernde TV-Berichterstattung über den „Fall“ Kampusch, kauften nicht wenige zuerst die Schlagzeilen-Gazetten und dann das Buch, und werden nun sicher auch reichlich Zuschauer ins Kino strömen. Was an sich in Ordnung wäre, weil 3096 TAGE kein schlechter Film geworden ist. Ein guter aber auch nicht – eigentlich, und das ist das Paradoxe sowie fast Logische am sich immer wilder gebärdenden Bestseller-Verfilmungswahn, ist 3096 TAGE das Paradebeispiel eines unmöglichen Films.

Was in Buchform funktionieren mag, die persönliche Reportage des Horrors, geht im Film gar nicht. Und das, obwohl viele vieles richtig machen: An der Kamera brilliert Michael Ballhaus, der gerade in den Anfangsbildern den klaustrophobischen Kerker im Hause des Wahnsinnigen, diesen bösen kranken Tieres namens Wolfgang Priklopil, eindrucksvoll filmt, die Schauspieler agieren allesamt auf höchstem Niveau, Martin Todsharows Musik hält sich angenehm zurück, manchem Bild wird angenehmerweise komplette Ruhe verordnet. Wenn einem aber dennoch die Fratze des Bösen, dieses Krüppeldasein zwischen Vergewaltigungen, Beschimpfungen, Folter, Schlägen sowie Spießbürgerinsignien wie Platzdeckchen, Pantoffeln und Waldfototapete, wenn einem dieser Terror, den Natascha Kampusch mehr als acht Jahre aushalten mußte, beim Zuhören und -schauen der nun Ton und Bild gewordenen Geschichte recht egal wird, man ohne nennenswerte Empathie zum Zaungast eines eigentlich unbeschreibbaren Kriegsschauplatzes wird, dann kann das nicht gewollt sein, dann wurden eben jener Bestsellerverfilmungswut sehr deutlich Grenzen aufgezeigt.

Vielleicht ist es die Schicksalswucht, die einem den Weg zum Herz versperrt, vielleicht der filmbedingte Zeitraffer, vielleicht auch der Formwechsel von Reportage eben zum bisweilen sehr glatten Romankino. Wahrscheinlich aber liegt das Unmögliche dieses Filmversuchs daran, daß sich die extreme psychische Not einer realen Figur wie Natascha Kampusch nicht kinoklassisch bebildern läßt. Beim fiktionalen MICHAEL funktionierte die Chronologie des Kinos, da darf der Junge sich zum Glück schicksalswendend mit einem Thrillerkniff verteidigen, da hält man das auch aus, wenn man sieht, wie sich der Schänder nach einem seiner Übergriffe den Schwanz wäscht, und man nur kotzen möchte, weil man – zumindest hinterher – ja weiß, daß dem Jungen nicht mehr wehgetan werden kann, weil er sein Heil in einer „positiv“ ausgegangenen Kinogeschichte gefunden hat. Die sehr reale Natascha Kampusch aber kann ihr Heil nicht finden, noch weiß ihre Geschichte in der x-ten Verkaufsform zu berühren, was vielleicht das Schlimmste ist. Und so – selbst wenn von ihr gebilligt – scheint der Versuch der Verfilmung ihres bisherigen (Über-)Lebens oder dem, was davon übrig ist, von Beginn an ein auch perfides, auf Marktwert geprüftes und damit zum Scheitern verurteiltes Experiment gewesen zu sein.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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