Originaltitel: LE PRINCE DE NOTHINGWOOD

F/D 2017, 85 min
FSK 12
Verleih: Temperclay

Genre: Dokumentation

Regie: Sonia Kronlund

Kinostart: 03.05.18

Noch keine Bewertung

Meister der Träume

Hollywood, Bollywood, Nothingwood

Das mit dem „afghanischen Steven Spielberg“ ist sicher eine winzige Nuance übertrieben. Eigentlich ist es ein unpassender Vergleich. Aber eine spezielle Type ist Salim Shaheen in jedem Falle. Über 100 Filme hat er in drei Jahrzehnten geschaffen, manchmal sind es zehn in zwölf Monaten und vier parallel, manchmal dauert das Drehen nur vier Tage. Der 54jährige ist Regisseur, Hauptdarsteller, Autor, Sänger. Immer spielen Freunde, Familie, Bürger mit oder halten die Kamera, obwohl sie beides nicht können, und im Grunde kann auch Analphabet Shaheen nicht recht, was er da macht. Aber eines sollte man dem bärigen Afghanen nicht absprechen: Leidenschaft. Das paßt dann schon. Nehmen wir es einfach so: Salim Shaheen ist ein Spiel-Berg.

Daß Heimat und Region so oft von Kriegen umbeutelt wurden, hat der passionierte Geschichtenerzähler ausgenutzt. Er selbst war Kämpfer, nicht selten auf der Flucht, stets am Rand zum Nirvana. An einer Stelle in Sonia Kronlunds launiger wie erhellender Dokumentation MEISTER DER TRÄUME sagt ein Kollege, Shaheen sei ein „Künstlerkommandant, kein Killer“ gewesen. Konnte auch schon mal vorkommen, daß eine Rakete mitten ins Set rauschte. Mit Toten. Das hat Shaheen gleich mit eingebaut.

„Es gibt Hollywood und Bollywood“, sagt der Protagonist. „Und es gibt das afghanische Kino, das ist Nothingwood.“ Dann lacht er in Breitformat darüber, pflanzt sich zur französischen Regiekollegin (die seit über 15 Jahren in Afghanistan arbeitet, also Menschen wie Landstriche genau kennt und zu nehmen weiß) ins Auto und reist mit ihr herum, läßt sich von aufgebrachten Fans als echter Meister der Träume feiern, fängt mal eben ein paar Shots fürs nächste Werk, hilft einem Alten mit dem steckengebliebenen Auto.

Salim Shaheen gibt sich gönnerhaft, posenreich, hochgradig manipulativ, aufbrausend und dennoch auf kernige Art liebenswert. Regisseurin Kronlund widmet sich ihm mit Neugier, gebotener Vorsicht und nie ketzerisch geheucheltem Interesse, erzählt wie nebenbei schlüssig und berührend über Afghanistans Menschen. Ihr Off-Ton kommt fast gehaucht, ihre Angst ist spürbar, wenn Gewehre mehr sind als Rambos Requisiten.

Solche bis zum Abgreifen benutzten Termini wie Trash, Kitsch, Genre, Sparte und Konzept führt Salim Shaheen entweder zu neuen Inhalten oder ad absurdum. Machen wir uns nichts vor, auch das ist Kino. Gebrauchskino!

[ Andreas Körner ]

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