D 2014, 104 min
FSK 16
Verleih: X Verleih

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Tom Schilling, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Emilia Schüle, Hannelore Hoger, Samuel Finzi, Frederick Lau, Alexander Scheer, Marc Hosemann

Regie: Oskar Roehler

Kinostart: 26.03.15

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Tod den Hippies!! Es lebe der Punk

Kino auf Speed oder: Eine Reise in jene Vergangenheit, in der man wußte, daß es keine Zukunft gibt

In Oskar Roehlers Roman „Mein Leben als Affenarsch“ gibt es diese Szene, in der der junge, nun, sagen wir mal, Held David Lynchs ERASERHEAD in einem Berliner Kino sieht. Und danach, noch völlig benommen und gebannt davon, ein Mädchen trifft, das mit schlauem Gequatsche, mit Kleinklein an analytischer Rhetorik, die Magie, den Nachhall in Wahnwitz, den der Film hat, derart ruiniert, daß besagter Held sich davor nur mit einem Sprung in den Landwehrkanal zu retten vermag.

Es ist eine Episode, die sich zumal jeder Filmkritiker und jede Filmkritikerin zur Mahnung werden lassen sollte. Und die Frage, die sich nun stellt, ist: Wie spricht man über TOD DEN HIPPIES!! ES LEBE DER PUNK, ohne ins schlaue Gequatsche zu verfallen, ohne den Wahnwitz, den auch dieser Film hat (wenn freilich auf andere Art als ERASERHEAD), mit journalistischem Jargon-Brei zu ruinieren?

Fangen wir mit der diesbezüglich gefahrlosen Inhaltsangabe an: Im Jahr 1980 wird Robert geradezu wahnsinnig am Mief bundesdeutscher Provinz-Saturiertheit. Lehramtsstudium in Erlangen, das ist es, was die Zukunft für Robert vorsieht. Das ist es, was für ihn die Hölle definiert. Normalität als Lebenstotgeburt. Um Robert herum grassiert allgemeine Hippie-Verweichlichung. Verlogene Sanftmut nebst selbstverliebter Weltverbesserer-Bigotterie im Reihenhauswohlstand.

Aber es gibt ja diese Insel der Verheißung, mitten im roten Meer des Kommunismus. Westberlin ist der Ort, wo der Punk am lautesten abgeht, weil man dort am besten begriffen hat, daß „No Future!“ eine Legitimation für Hedonismus ist. Wer pflanzt schon Bäumchen, wenn morgen die Welt untergeht, die heute eh schon im Arsch ist? Und so flieht Tom nach Westberlin, schlüpft unter als Putzkraft im Peepshow-Schuppen seines Kumpels Schwarz. Säubert Wichskabinen, holt Pizza für die Mädchen. Liest Ferdinand Celine und Franz Kafka (was sonst?). Kollidiert gehörig mit seinem psychotischen Vater. Trifft Blixa Bargeld und Nick Cave. Sieht Fassbinder im Discoblitzlicht. Stürzt ab bei Wodka-Exzessen im legendären „Risiko“ und fliegt hoch und höher dank der schon in Nazi-Zeiten bewährten Durchhaltedroge Speed. Und auch dank Sanja, der Stripperin, dem traurig-schön-wilden Mädchen aus Amerika.

Das zum Inhalt. Und was nun? Am besten einfach unbekümmert schwärmen: hochgepeitscht, zugespitzt, überbordend. Ein Wahnwitz eben, ein Film auf Speed: das ist TOD DEN HIPPIES!! ES LEBE DER PUNK. Grell lebenssattes, wild abrechnendes, unbekümmert ehrliches Kino, wie es auf dem Level in Deutschland nur Oskar Roehler zu fabrizieren vermag. Ein Ausnahmeregisseur, der, wie immer in seinen besten Arbeiten (und diese gehört dazu), auch hier das Abstoßende auf das Anziehende krachen läßt mit ansteckend lustvoller Vehemenz.

Auf Geschmacksgrenzen pfeift Roehler dabei in wie gehabt recht schrillem Ton. Etwa bei der Bebilderung von Körperausscheidungen, die zwischen Peepshow und Pflegeheim (wo Robert kurz als Zivi landet) so anfallen. Doch sind auch in diesem Film wieder die zarten, traurig stillen Momente dazwischen das Eigentliche. Diese irrsinnige, unbestimmte Sehnsucht, die so oft durch Roehlers Werke geistert. Um an dieser Stelle mal Schluß zu machen mit dem Gequatsche. Nur das noch: jetzt bloß nicht ins Elsterbecken springen, sondern ins Kino gehen!

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.