D/F 2022, 104 min
FSK 6
Verleih: Port au Prince

Genre: Liebe, Tragikomödie

Darsteller: Sophie Rois, Milan Herms, Udo Kier, Lilith Stangenberg, Laura Tonke

Regie: Nicolette Krebitz

Kinostart: 16.06.22

7 Bewertungen

AEIOU

Focus, Aim, Shoot – Treffer!

Sie hat es mit dem A! Auch, aber eben nicht nur, weil wirklich alles damit beginnt: das Alphabet, der Urschrei, das Stöhnen beim Orgasmus, die Untersuchung beim HNO-Arzt, das Lockermachen beim Singen. Nicolette Krebitz’ Figuren in ihren wunderbar entrückten Filmen heißen auch immer wieder irgendwas mit A: Ania aus dem mit nichts zu vergleichenden Film WILD und nun eben Anna und Adrian, Hauptfiguren in einem ebenfalls mit nichts zu vergleichenden Film. Aber was heißt schon Film? AEIOU ist eine Kinowucht, eine Passion, ein luzides Schweben, ein knisternder Flirt, reinste Zauberei. Krebitz ist keine verschwenderische Regisseurin, gerade mal vier Langfilme in 20 Jahren, sie erzählt nur, was ihr die Erzählung wert ist!

Nach WILD erzählt sie nun sieben Jahre später von einer nächsten, wenn auch weniger pelzigen Amour sauvage, eine, die in ihrer ungestümen Reinheit, in ihrer Verweigerung von Konventionen, in ihrer Lust an Brüchen und Widersprüchen, in ihrem Leichtseinwollen und -können einen glatt umhaut. Los geht es mit einem Handtaschenklau, Anna wird den räuberischen Kerl wiedersehen, anders als gedacht, ihr Arzt stellt ihn ihr vor, sie als Schauspielerin soll dem schwierigen Jungen das bessere Sprechen für eine Laientheateraufführung beibringen. Mit Sprache und Vokalen geht nun mal alles los.

Es sind natürlich vor allem erst einmal die brillant charakterisierten Figuren, die dieses Kinowunderstück ausmachen. Anna hat ihre besten Spieljahre hinter sich, jetzt eben Hörbuch statt Hauptrolle, das Divöse aber, das bleibt, was sich auch komisch in einer großartig gesetzten Szene während einer Arbeit im Synchronstudio entlädt. Und sie goutiert es, von Michel, dem Besitzer ihrer Wohnung, in schwuler Divenverklärung „Liebste“ und „Annalein“ genannt und wirklich geschätzt zu werden. Und dann dieser Adrian – ein Knieweichmacher mit diesem unverschämten Antlitz aus River-Phoenix-Wiedergang, schwüler Thomas-Mann-Phantasie und Tschechen-Porno. Dazu dieses ewig-nervöse Brille-Zurechtrücken, wer da nicht umfällt ... Völlig klar, daß es beim Sprechenlernen nicht bleiben kann.

Krebitz ist aber auch wirklich eine formidable Beobachterin, lebensklug und trotzdem Mädchen, sie konstelliert nicht psychologisierend, sie weiß vielmehr, daß Entscheidendes im Leben einfach passiert! Daß manches eben doch perfekt paßt, was auf den zu raschen Blick nur Behauptung bliebe. So ist ganz wunderbar, wie die Trostlosigkeit leerer Vogelkäfige weggezaubert wird, herzbebend, wenn aus der Welpenpflege eine tiefe Liebe entsteht, und logisch sowieso, als die beiden aus Berlin an die Côte d’Azur fliehen, um in wie Ballett inszenierten Verrücktheitsmomenten den Touristen das Geld zu stehlen und einfach zu leben. Und zu lieben. Und zwar so, wie es die kantigen Helden im französischen Kino der 60er taten – ohne Fragen zu stellen, in aller Unbekümmertheit, so im Sprung.

AEIOU hat von allem viel: Witz und Phantasie, Unbeherrschtheit und Machtgelüste, Leidenschaft und Eifersucht, Spucke und Blut, Kuscheln und Sex, und all dies in wahrlich perfekt durchkomponierten Bildern. Anna und Adrian sind oft wie Kinder, mit Verlustängsten und bezaubernder Sorglosigkeit zugleich, mit Unsicherheit und bewundernswerter Scheißegal-Attitüde, mit dieser Furcht vor Zurückweisung und dem unbedingten Willen des Geliebtwerdens. Das macht sie zu mutigen und verletzbaren Liebenden.

Kleine Freuden werden so groß empfunden, wie es nur ehrlich Liebende tun, die beiden sind aufrichtige Kontrapunkte zu all dem, was einem so in der Welt vorgegaukelt wird. Und es wird einem ganz schaumig im Kopf, wenn Milan Herms als Adrian nach dem ersten Sex so halbschüchtern fragt: „Können wir das jetzt öfter tun? Also immer?“ Und Sophie Rois als Anna dafür Blicke hat, wie sie eben nur Sophie Rois hat.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.