D/Österreich 2026, 106 min
Verleih: X Verleih

Genre: Drama

Darsteller: Nina Hoss, Precious Mariam Sanusi, Barbara Petritsch, Cigdem Teke

Regie: Mariko Minoguchi

Kinostart: 22.10.26

Die andere Seite

Menschsein, Tod und Hoss galore

Vernähen Filmcharaktere am Körper klaffende Wunden eigenhändig, kann das zu RAMBO-mäßiger Erheiterung führen. Oder lediglich albern berühren wie im kurz vorm ersten Lockdown gestarteten KAHLSCHLAG. Oder so intensiv wirken, daß man sich im Kinosessel windet und gebeutelt mitleidet. Wie hier – greift Nina Hoss zur Nadel, läßt das kein Gemüt unberührt.

Wobei wohl automatisch Pandemie-Beiklänge auftönen, wurde die Welt doch von einem Virus erschüttert, die Letalität ist extrem hoch. Aktuell kehrt langsam wieder Normalität zurück, aber die infizierte Ärztin Hanna möchte ihr Umfeld schützen, vegetiert daher fern der Zivilisation isoliert im Wald, ernährt sich von Mutter Natur, nimmt hilfreiche Dinge aus einem verlassenen Haus, sie erwartet eigentlich bloß das Unvermeidliche. Und kommt trotzdem nicht zur Ruhe, menschliche Begegnungen halten dagegen.

Diese changieren zwischen echter Anteilnahme, auf Erfahrung basierendem Verständnis und panischer Ablehnung, woraus im Subtext statt Corona-Aufarbeitung eher ein AIDS-Rückblick melancholische Intensität verbreitet, wie der kürzlich völlig unberechtigt untergegangene ALPHA Hysterie anprangert, dazu aus Unwissenheit brüllende Angst und humane Dummheit neben Gesten der dringend benötigten Zuwendung stellt. Man kann’s natürlich auch von sämtlichen Zuschreibungen befreien und einfach schauen, erleben, spüren.

Darunter, wie eine gewisse Überdeutlichkeit manche Szene verdecken mag, etwa dann, wenn ein Schwerverletzter Hannas Hilfe mit der Begründung ausschlägt, sie bringe ihn um. Und wirklich verzichtbar: der schier endlose Tod eines Hundes, dessen Zweck im Kontext zwar gewahrt bleibt, welcher in seiner Aufdringlichkeit indes etwas tut, das vorher und nachher nie nötig wird, namentlich dem Publikum ins Gesicht lärmt, effektgetrieben, breitgewalzt. Als starkes Versöhnungsangebot fungiert allerdings das Treffen Hannas mit einer Überlebenden; ein einziger gemeinsamer Abend, dessen Ausgang tiefe emotionale Berührung und adäquate Grausamkeit ineinander verzahnt, so klar und drückend, dass man sich im Sessel windet. Erneut. Was Hoss ohne jede Eitelkeit oder ausgestellte Talentpräsentation der Rolle abringt, trägt seinen (Löwen-)Anteil bei.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...