Originaltitel: KEYKE MAHBOOBE MAN

Iran/F/S/D 2024, 97 min
Verleih: Alamode

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Lily Farhadpour, Esmail Mehrabi

Regie: Maryam Moghaddam, Behtash Sanaeeha

Kinostart: 11.07.24

Ein kleines Stück vom Kuchen

Ohne künstliche Zusätze, aber mit Bitterstoffen

„Ja, ich lebe noch“ oder „Ich bin jetzt alt“: Mahin, allein in Teheran wohnend, sprüht nicht gerade vor Esprit. Tja, wie könnte sie, wenn sogar Freundinnen beim seltenen Kaffeeklatsch ihre Darmpolypen – zum Glück bloß verbal – auf den Tisch legen? High Heels und tiefes Dekolleté nur in Erinnerungen aufrüschen dürfen, woran zudem das repressive Regime entscheidende Schuldanteile hat? Temporäre Emotionsentfaltung lediglich gerührtes Anschauen einer Telenovela anstößt?

Die 70jährige Langzeitwitwe verpaßte irgendwann die Gegenwehr, wurde von Bedrückung überwältigt, besitzt aber noch genug Stolz und Würde, für andere einzustehen. So legt sie sich mit der omnipräsenten Sittenpolizei an, welche eine junge, die Kopftuchpflicht verletzende Frau verhaften will – und gewinnt. Trägt selbst über weite Strecken des Films keinen Hijab. Offene Kritik und unverblümter Ungehorsam bilden eine mutige Allianz, dem Regieduo auferlegte Sanktionen folgten zwangsläufig, darunter das Ausreiseverbot zur Berlinale, wo sein, nach eigener Aussage, Baby zum verwaisten Publikumsliebling avancierte. Mahin wiederum verlor ihre Tochter an Europa, Telefonkontakt gibt’s sporadisch. Und sonst? Lauert im Coffeeshop Überforderung, weil die Getränkekarte einem QR-Code wich, thematisieren gleichaltrige Männer Rente und Rezession. Die vom Politischen gelöste Erzählung zeigt universelle Qualität, verortet sich ortlos. Vergißt bei jeder Melancholie dankenswerterweise nie die Komik, so lebensnah, sie beißt kraftvoll zu.

Und endlich erstarkt auch Mahin, lädt einen ebenfalls einsamen Taxifahrer ein, er nimmt nach anfänglicher Irritation („Was soll ich bei Dir zu Hause?!“) an. Beginn einer Näherung, erst vorsichtig, dann immer rasanter. Sie backt ihren Lieblingskuchen, er repariert Lampen, gemeinsam verspottet man die Staatsgewalt, tauscht Komplimente, kracht holterdipolter zusammen, alles Verborgene drängt heraus, sie mahnt ihn öfter zur Eile, auf nichts mehr verzichten, die Uhr tickt unerbittlich. Eine herzzerreißende Duschszene, ein wackeliges Selfie, etwas soll bleiben, pures Gefühl ergießt sich, Magie leuchtet. Bis zur bewegenden finalen Kamerafahrt. Zu diesem Zeitpunkt mußte Mahin ihre kurz aufleuchtende Zukunft erneut still begraben.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...