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Horse Money

Eidetisch nachgeformt, ungreifbar erzählt

Wir befinden uns in sandsteinernen Katakomben und Gewölben, anonymen Wartebereichen und Kantinen, endlosen Fluren und Gängen, die jeden einzelnen Schritt und Gedanken tief in Ort und Kopf widerhallen lassen. Ob dies faktische Orte einer ebenso faktischen Handlung sind, ist zu bestreiten. Höchstens in ihrer Rahmengebung und ihren Grundfesten scheinen die häufig aus dem Off narratierten und kommentierten „Szenen“ an wirklichen Orten stattzufinden.

Vielmehr bewegen wir uns mit dem Regisseur Pedro Costa und seinem Protagonisten Ventura in HORSE MONEY zusammen durch das (kollektive) Gedächtnis der, oft auf das Festland nach Portugal emigrierten, Armen- und Arbeiterbevölkerung der Kapverdischen Inseln. An die sogenannte „Nelkenrevolution“, daran, daß Ventura einen Mitbürger erstach, oder wie er seine Zulmira auf den Inseln zurückließ, um in Lissabon auf dem Bau zu arbeiten und sie später nachholen zu können. Nacherzählte Erinnerungen, die mal „wahr“ und mal „fiktiv“ sind, oder Erinnerungen, bei denen sich die Fiktion in die Realität bettet.

HORSE MONEY erwartet einen nicht zu kleinen Rezeptionsaufwand von uns. Nicht so sehr auf sinnlicher Ebene, sondern vielmehr auf einer gedanklichen, inhaltlichen, die Puzzlestücke selbst zusammensetzenden. Selbst wenn diese scheinbar nicht immer sanft ineinandergleiten wollen und etwas Druck nötig ist, sie zusammenzusetzen. Doch ist der Lohn für uns um so ertragreicher: nahezu perfekt fotografierte (der Film beginnt tatsächlich und überaus stimmungsvoll mit Bildern des dänischen Fotografen Jacob Riis, selbst ein Immigrant) Einstellungen, die die Szenen bereits in ihrer Perspektive oft unterbewußt verschoben und traumartig wirken lassen.

Die statischen Shots (die Zahl der Kamerabewegungen ist an einer Hand abzählbar), deren tiefe Schatten Ventura und den winzigen Cast um ihn verstört und zutiefst fragil wirkend auszuspucken scheinen und in theatralischer Manier anschließend wieder verschlucken, sind wunderschön anzusehen, und die Szenen, in denen uns Vitalina in ASMR-Manier ihr persönliches Schicksal einflüstert, sind zutiefst eindringlich.

Originaltitel: CAVALO DINHEIRO

Portugal 2014, 103 min
Verleih: Grandfilm

Genre: Mockumentary, Drama, Historie

Darsteller: Tito Furtado, Antonio Santos, Vitalina Varela

Regie: Pedro Costa

Kinostart: 03.03.16

[ Philipp Winkler ] Philipp mag Filme, die sich in Randgebieten jeglicher Fasson abspielen. Filme, die mitten hinein treffen (und sei es in die Fresse). Filme, die frisch sind, selbst wenn sie siebzig Jahre alt sind. Philipp mag Literaturverfilmungen, denn er schreibt selbst. Doch grundsätzlich mag er auch Comicadaptionen, denn Philipp mag Comics. Er greift eher zu einem guten Dokumentar- als zu einem guten Spielfilm. Diese Leute mag Philipp besonders: James Marsh, Michael Haneke, Harmony Korine, Sabu, Errol Morris, Shohei Imamura, Jeff Nichols, Andrei Tarkowski, John Hillcoat, Hayao Miyazaki, György Palfi, Francis Ford Coppola und Hirokazu Koreeda.