D 2022, 119 min
FSK 12
Verleih: Constantin

Genre: Drama, Erwachsenwerden, Literaturverfilmung

Darsteller: Levy Rico Arcos, Vincent Wiemer, Jörg Hartmann, Franziska Wulf

Regie: David Wnendt

Kinostart: 02.03.23

10 Bewertungen

Sonne und Beton

Irre weit weg

Es sind Kinder. Völlig egal, ob sie Fusel aus der Pulle trinken, hustend Gras rauchen oder dem schönsten Mädchen der Welt die Zunge durch den Zaun zum ungelenken Kuß entgegenstrecken. Es bleiben Kinder. Schutzbefohlene. Halbwüchsige von 15 Jahren, drei Haare am Kinn, die Baggy auf halb 8 und immer diese glühroten Wutwangen. Nur die Welt, in der sie leben, was heißt leben, in der sie sich wehren, behaupten, durchschlagen, die hat so gar nix Kindhaftes: Gropiusstadt, Berlin-Neukölln. Brennpunkt, Schmelztiegel, Problemviertel ... Die Politik, die sich fürs Wegschauen und Weiter-So zu verantworten hätte, hat allerlei Begriffe zur Hand.

Die aber nützen Lukas nichts. Gino, Sanchez und Julius auch nicht. Die haben Streß, immer und überall. In der Schule sowieso, vor allem aber daheim, weil die Mütter überfordert, schwach oder ganz weg sind, die Väter prähistorische Sprüche raushauen („Der Klügere gibt nach ...“) oder gleich zuschlagen. Den größten Streß hat Lukas, kongenial vom jungen Levy Rico Arcos gespielt. Streß und eine Deadline. Morgen 15.00 Uhr soll er 500 Euro Schutzgeld berappen, für so ’ne brutale Dealernase im Park, der sich als Gangster versteht.

David Wnendt hat einen atemlosen Film geschaffen, der in Mark und Bein fährt, dabei aber weder auf kalkulierte Betroffenheit noch schmusige Ghettoromantik setzt, der keinem aufgesetzten Slang erliegt und sich nicht in Schulmeisterei verirrt. Er erzählt mit Humor! Denn davon haben die vier Freunde gottlob eine Menge, auch, weil sie ohne längst platt wären. Der Film beschönigt nichts, von den Leben, in die er schaut, erzählt er glaubwürdig, es sind Parallelwelten für jene von uns, die eher behütet großgeworden sind, Milieus, von denen wir keine echte Ahnung haben. Oder, wie einer der Hauptdarsteller, aus dem durchgentrifizierten Kreuzberg kommend, die morgendliche Fahrt ans Set nach Gropiusstadt beschreibt: „Das war irre weit weg!“ Es könnte anders sein.

SONNE UND BETON ist kraftvoll, voller Zorn und Verzweiflung und zum Glück nicht ohne Hoffnung, wenn er zeigt, wieviel vom Umfeld abhängt, von einem Lehrer vielleicht, der bei Lukas ein Gespür für Sprache erkennt, was ein Ausweg sein könnte. Er zeigt auch, wie wichtig Freundschaft ist, wie Wut entsteht, wenn diese Risse kriegt. Es gibt Momente, die kaum zum Aushalten sind, diese Gewaltexzesse während dieser brütend heißen Hundstage. Denen aber steht die immense Kraft des Zusammenhalts entgegen.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

Sonne und Beton ab heute im Kino in Leipzig